Gedichte zum Jahreswechsel

An dich, du Baum des Lebens

Da stehst du nun, du alte Tanne, mächtig,
als könnte nichts dich aus der Ruhe bringen,
als würde, was geschieht, gescheh‘n bedächtig,
als wär’s unmöglich, dich zu was zu zwingen.
Dein hoher Wuchs ist so unnahbar-prächtig,
als könnte nichts von außen in dich dringen.
Dein Alter ruht, wie’s scheint, in sich. Und ich?
Was sehe ich in dir? Bist Abbild du für mich?

Wie stolz du dich nach oben streckst mit Zweigen,
die sich, etagengleich geschwungen, weit,
vom Stamm hinweg, gezielt nach außen neigen,
die, unten lang, verschwenderisch und breit
und oben, sparsam werdend, kurz sich zeigen,
um dann, dies Jahr für Jahr erneut bereit,
im Ende, beim Verzweig‘n, als grüne Krone
hin zu gelangen bis zur Himmelszone.

Begegnung ist’s. Mein Auge langsam gleitet
an dir herunter, von der Spitze an
hinab zur Sohle. Wie mich da begleitet
Erinnerung! Wie war das doch? Und wann?
Was hat die Zeit im Leben mir bereitet?
Ob ich all das zusammenfügen kann?
Du Baum, in dir sich alles widerspiegelt,
was in mir all die Jahre fest versiegelt!

Oh je! In deinem Wipfel welch Gedränge!
Die Tannenzapfen in die Höhe ragen,
‘ne große Schar, ‘ne wuselige Menge.
Wie sie sich um die besten Plätze schlagen!
„Erst ich!“ „Nein ich!“ „Lass mich!“ Und welche Enge!
Fast sieht’s so aus, dass sie im Spiel sich jagen.
Ja, so erneuerst du dich, alter Baum,
weil Kinder sich zum Glück nicht halt‘n im Zaum.

Und nicht nur hier geht’s jugendlich noch drunter
und drüber im leuchtend-hellen Immergrün,
wenn ich in Stufen blicke weiter runter.
Da sprießt es dicht auf dicht, da will’s erblühn,
da ruft’s mir zu: „Auf, auf! Bleib frisch und munter!
Bleib jung wie wir! Lass ab von deinen Mühn!“
Ach ja, wie gerne würde ich das tun!
Die Sehnsucht ist ja da, lässt mich nicht ruhn …

Und abwärts geht’s in all die reifen Jahre,
die reichste Zeit in deinem grünen Leben,
in dem auch ich in Raum und Zeit gewahre
so viel an Hoffnung, Wünschen, Tatkraft, Streben,
in dem ich noch einmal zutiefst erfahre,
was mir vom Universum mitgegeben.
Das Gleichmaß deines Astwerks doch, es trügt,
weil nie in Dauer-Harmonie sich‘s fügt.

Denn eben ist’s noch ruhig, so wie jetzt:
Ein sanfter Wind, im Hin-und-her-sich-Wiegen,
den Frieden im Geäst noch nicht verletzt.
Doch plötzlich, vehement, die Zweige biegen
sich, ächzen, sträuben sich, vom Sturm gehetzt;
die Zapfen, wild fast, umeinander fliegen.
Der Stamm indes, er hält es aus zuletzt.
Natur lässt so leicht sich nicht unterkriegen,
sie beugt sich, lässt sich aber nicht besiegen.

So geht’s mal auf, mal ab in diesen Zeiten:
Erfolg steht neben Misserfolg, Gesund-Sein
neben Krank-Sein. Glück und Unglück streiten
in meinem Herzen. Hauptsache, das Bunt-Sein
behält die Oberhand bei Schwierigkeiten
und nicht das Grau, das Jammern und das Wund-Sein.
Dein Grün, die Hoffnung, mich hat’s weit getragen
in hellen wie in dunk‘len Lebenslagen.

Am Rumpf jetzt unten langsam angekommen,
im Alter, in dem Grund, aus dem sich speist,
was alles ich bisher hab wahrgenommen,
die Zweige neigen sich hinab zumeist,
so tief, als hieß‘ die Erde sie willkommen,
schon etwas müde, wie‘s mir scheint, im Geist.
Doch breiten sie die Arme so weit aus,
dass Gleichgewicht sich stets verzweigt im Haus.

So, Tanne, schaffst du‘s, in mir zu vereinen
die Lebensalter, die so oft getrennt
und miteinander unvereinbar scheinen.
Ob jung, ob alt, kein einz’ges Element
tust du in seinem Dasein je verneinen;
du nimmst es an, selbst wenn es different.
Von Alt zu Jung, von Stuf‘ zu Stufe du erwirkst
aufs Neu, was du seit Anbeginn schon in dir birgst.


Eberhard Kleinschmidt
Neujahr 2019

Lebensbaum