Gedichte zum Jahreswechsel

An eine Standuhr

Da stehst du nun am neuen Platz
und mahnst mich stumm an Goethes Satz:
„Was du ererbt von deinen Vätern,
erwirb es, um es zu besitzen!“
Das fällt mir schwer, ich sag’s ganz ehrlich,
denn eigentlich bist du entbehrlich.
Genug der Uhren gibt’s im Haus!
Und noch ´ne Uhr? Ich halt’s nicht aus!
Mechanisch kuckuckt’s, gongt’s und schlägt’s
schon im Verzug  -  ja, wer erträgt’s?!  -
als Telleruhr, als Regulator,
als Küchenuhrzeitindikator
auf Tisch, Regal und an der Wand,
so dass halb-stündlich ich gebannt.
Verschweigen will ich nicht die Wecker,
die elektronischen Vollstrecker
der abgelauf’nen Schlafenszeit,
die auf Befehl dazu bereit,
laut piepend meine Ruh’ zu stören,
wenn süße Träume mich betören,
und dies auf tückisch-schrille Weise,
wo, batteriebetrieben leise,
ihr Werk, atomuhrzeitgesteuert,
sonst unauffällig sich erneuert.
Es tickt und takt in allen Räumen
schon jetzt und hindert mich am Säumen.
Doch armbandührlich gut trainiert,
bin ich auf Zeit auch so fixiert.
Und nun noch du, du alte Uhr,
die du da stehst in meinem Flur
wie ein Koloss so hoch, so mächtig,
von wuchtiger Gestalt, doch prächtig.
Denn tempelgleich bist du erbaut,
von der Antike mir vertraut
mit Säulen, Architrav und Fries
(den Giebelbau man unterließ).
Wie durch ein Tor seh’ ich entstehn
die Zeit, seh’ langsam sie vergehn
im Pendelschwung, im Hin und Her,
und denke dran, wie inhaltsschwer
wohl war, was du in all den Jahren
an Leid und Freude hast erfahren.
So viele hast du schon begleitet!
So viele durch die Zeit geleitet!
Wie viele sind schon längst nicht mehr!
Und du, ein Ding, stehst hoch und hehr!
Auch mich wirst du mal überdauern
und wieder stehn in andren Mauern.
Doch erst mal bist du hier bei mir,
unübersehbar  -  sagt’ ich dir.
Unüberhörbar obendrein:
Big-Ben-gleich geht durch Mark und Bein
dein Gong, wenn er ertönt im Haus
und aufscheucht noch die letzte Maus.
Doch nicht nur dies: ein Zeit-Problem
hab’ ich mit dir, mir unbequem,
denn du gehst falsch und nicht zu knapp!
Seit Wochen ist’s ein Auf und Ab!
Mal geht’s zu langsam, mal zu schnell,
ganz gleich, wie ich an dir auch stell’.
Mal hältst nicht Schritt du mit der Zeit,
so dass mit meiner ich im Streit.
Mal eilst der Zeit du gar voraus,
was mir erst recht ein wahrer Graus,
so wie auch jetzt zur Jahreswende,
wo wieder geht ein Jahr zu Ende,
bei dem ich frag’: wo ist’s geblieben?
Die Zeit, die hat’s im Nu zerrieben,
die Zeit, die fließt, verrinnt, verstreicht,
bevor mein Ziel ich hab’ erreicht.
Und dass du ihr noch Beine machst,
wenn du jetzt vorgehst, mich verlachst,
das ärgert mich! Nun reicht es mir!
Das neue Jahr beginnt bei dir
schon vor der Zeit, eh’s noch begann!
Ich halte dich jetzt einfach an!
Denn ich möcht’ endlich innehalten
und in mir Ruhe lassen walten.


Eberhard Kleinschmidt
Neujahr 2004