Gedichte zum Jahreswechsel

Das Geschenk

Nanu! Es klingelt. Wer mag’s sein?
am Vormittag Besuch? Ach nein,
die Post, ein Mann von DHL.
„Paket? Für mich?“ „Für Sie speziell.
Und nicht nur eins. Es sind gleich drei,
ein großes und die kleinen zwei.
Und unterschreiben, bitte hier!“
Pakete? Jetzt noch? Wer schickt mir
nach Weihnachten noch ein Paket?
Hab’ nichts bestellt! Wer das versteht!?
Was da bloß drin ist … keine Ahnung …
Passt gar nicht ’rein in meine Planung …
Wollt’ eigentlich was and’res machen …
Hab’ keinen Nerv für solche Sachen …
Und überhaupt  -  von wem? Was steht
hier oben? … „Unbekannt“ … Das geht?
im Feld für den Versand kein Name?
Na klar, wohl wieder nur Reklame!
Vielleicht auch gar ein Terrorist?
Ach Quatsch, vergisst ja, wer du bist!
Wo fang’ ich an? Bin doch gespannt,
was der mir schickt, der nicht genannt …
Und welches nun zuerst? Ich picke
heraus mal … dies Paket, das dicke.
O je! Wie fest verschnürt, verklebt!
Die Pappe sich ja gar nicht hebt …
So viel Verpackung, viel Papier!
Ich brenne nun schon vor Begier-
de, endlich, endlich rauszukriegen,
was mir dies Ding bisher verschwiegen.
Da, ein Karton, so groß, so leicht,
dass eine Ahnung mich beschleicht,
man habe sich ’nen Scherz erlaubt
und mich gefoppt … und überhaupt …
mein Atem stockt … In großen Lettern
steht oben auf  -  grad’ wollt’ ich wettern  -
dem bunten Deckel: „Geschenk für dich!“ ---
Nun gut, mit Müh’ besinn’ ich mich,
ich öffne, suche und entdecke
ganz unten in der einen Ecke
ein goldverziertes, kleines Blatt,
wie man’s als Gutschein manchmal hat,
mit diesemText: „Halt’ dich bereit!
Gewonnen hast du ganz viel Zeit …“ ---
Na ja, nicht schlecht, was für ein Hit!
Jedoch, was mach’ ich jetzt damit?
Mal schau’n, was in den Päckchen drin,
die mit dabei. Noch ein Gewinn?
Im ersten sind noch klein’re Päckchen
und da, da ist sogar ein Säckchen!
Und alles hübsch verpackt mit Bändchen,
Geschenkpapier, mit fleiß’gen Händchen!
Ich greif’ mir dieses raus … ein Buch …
das kenn’ ich doch … hab’s beim Besuch
von Meyers mal geschenkt gekriegt;
seitdem es ungelesen liegt.
Da steht sogar mein Name drin!
Wie kann das sein? Macht das denn Sinn?
Hat der, der Unbekannte, gar
mein Buch geklaut?  -  ist wohl nicht wahr!  -
und „schenkt“ es mir zu Neujahr wieder:
„Los, lies es mal!“ Da legst di nieder!
Kaum wag’ ich auszuwickeln, was
mir sonst noch „schenkt“ dies Super-Ass:
CDs aus meiner Sammlung  -  dick verstaubt;
mein Schachspiel auch  -  verlegt geglaubt;
mein Tagebuch  -  nicht ausgeführt;
mein Fitnessplan  -  nicht angerührt;
dann Urlaubsreisen  -  angehäuft,
in Urlaubsfotos fast ersäuft;
Erinnerungen  -  halb vergessen;
und Träume  -  aufgefressen;
und Wünsche  -  wie zerstoben;
und Pläne  -  aufgeschoben …
Verstört, beim Säckchen ich verweile,
das wie von selbst sich öffnet: „Teile,
was dir hier reichlich zugedacht!“
Wie? Teilen, was mir überbracht?
Wohl kaum … mal seh’n …da ist ja doch
das kleinste dieser drei Pakete noch.
Ich mach’ es auf. Das sind ja Bilder!
Ein Stapel Fotos, unten Schilder,
auf denen auch die Namen steh’n
der Menschen, die darauf zu seh’n.
Die kenn’ ich doch! Sind mir vertraut.
Hab’ manche lang’ nicht angeschaut.
Ach, hinten steht ja noch was drauf,
Bemerkungen wie die zuhauf:
„Mich gibt’s noch!“ „Schreib’ mal!“ „Ruf’ mal an!“
„Du könntest dich mal melden, dann und wann …“


Eberhard Kleinschmidt
Dezember 2006