Gedichte zum Jahreswechsel

Zeitgedanken

Eine Zwischenbilanz

Jetzt ist schon wieder ein Jahr um,
das eben doch erst angefangen!
Was lang scheint, ist ein Minimum!
Ich fühl’ mich richtig hintergangen!
Im Januar  -  wie wunderbar!
Zwölf Monate sich endlos dehnen,
-  so stellt’s die Fantasie mir dar  -
kann alle Zeit der Welt mir nehmen …
Ich nehm’ sie mir … und stell’ dann fest
im Juli: Halbzeit schon gewesen?
Das kann nicht sein! Nur noch ein Rest?
Die Jahresuhr falsch abgelesen …?

Und schneller und schneller vergeht nun die Zeit.
Sie eilt nur so hin, und sie lässt’s sich nicht merken,
ganz heimlich, geräuschlos und nicht mehr bereit,
das Tempo zu drosseln, gewillt, zu verstärken
die Hast ohne Rast, bis auch ich bin erfasst
vom Strudel der Dinge, auf dass alles gelinge
ohne Müh’, ohne Last, auf dass nichts sei verpasst,
dass man alles erzwinge wie der Herr der Ringe …

Wann halt’ ich inne
und mich besinne?

Im Fluge vergehn der August, der September,
Oktober, November, erst recht der Dezember  -
vorbei ist das Jahr! Schon vorbei?
Einerlei!!

Egal? … Wie dem auch immer sei,
noch eben fühlt’ ich mich betrogen
um Zeit in diesem Jahr, dabei,
zu klag’n, man habe mich belogen.
Ist das o.k.? Hab’ ich das Recht?
Ob kurz, ob lang, ob minimal,
ob maximal gefühlt, ist schlecht,
was immerhin umfasst an Zahl
die Zwölf? Zwölf Monate sind viel!
Die Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winter-
Kulisse bieten sehr viel Spiel-
raum. Lief hindurch ich wie ein Sprinter?
Kann’s sein, dass ich mich drin verlor?
Nun gut! ’s wird Zeit, Bilanz zu ziehen,
bevor jetzt aufgeht gleich das Tor
zum neuen Jahr, in dem geliehen
-  vielleicht auch nur bezogen?  -  wird
ein neues Konto „Zeit“, mir zugeteilt
fast wie im Festzelt vom spendab’len Wirt,
bei dem ich gern und sorglos stets verweilt.

 

II

Hab’ ich mein Konto etwa überzogen
in diesem Jahr, das nun zu Ende geht?
Hab’ ich gar mehr verbraucht, als mir da steht
womöglich zu und überspannt den Bogen?

Ich hab’ doch immer alles wohl erwogen!
Ich hab’ die Schraube auch zurückgedreht,
wenn’s nötig, hab’ gelebt wie ein Asket
-  so kam’s mir vor zuweilen, ungelogen!

Und doch, wenn ich mit mir ganz ehrlich bin,
bin ich nicht sicher, ob stets ausgeglichen
in meiner Kontoführung warn  Gewinn

an Zeit und ihr Verlust, ob eingeschlichen
der Schlendrian, ob nicht als Trödlerin
die Zeit ist einfach so dahin gestrichen ...

 

III

Was war nicht alles los in diesem Jahr!
Es fällt mir richtig schwer, mich zu besinnen,
was alles war. Ich komme nicht mehr klar
mit seiner Reihenfolge. Wo beginnen?
Ein Jahr, schier endlos scheint’s als Reservoir ...
Ich bin schon halb dabei, mich zu verlieren …
Wann war’s? Im März, April, im Januar?
Das Durcheinander müsst’ ich mal sortieren!
Doch wie? Ja, wie …? Ein Blick in den Kalender …
Mein Gott, was war ich für ein Zeitverschwender!

 

IV

Termine, Termine, Termine!
Was tu’ ich mir eigentlich an?
Ja, diese Termin-Guillotine,
die köpft den Genuss irgendwann!
Am Montag: Theater mit Schiller,
am Dienstag: Tai-Chi im Verein,
am Mittwoch: im Kino der Thriller,
am Donnerstag: Müllers zum Wein,
am Freitag: Konzertabo wieder,
am Samstag: bei Meyers das Fest,
am Sonntag: zur Stärkung der Glieder
die Wanderung gibt mir den Rest.
Terminkalender-ergeben,
am Ende der Woche plemplem,
da frag’ ich: Im Augenblick leben?
Ist das nun das „Carpe diem“?

 

V

Genau! Es stimmt! Mein Eindruck trügt mich nicht!
Ganz atemlos bringt hier mich durch die Woche
bereits die Freizeit, wie darauf erpicht,
dass sie terminlich voll mich unterjoche.
Wie dicht schon da  -  für sich spricht der Bericht  -
folgt aufeinander, wo mir Freiheit eigen,
wo von mir selbst bestimmt, was von Gewicht,
von Pflichten, die im Außen, ganz zu schweigen!
Ist das, was ich so mache, alles richtig?
Ist das, was sich so tut, auch wirklich wichtig?

 

VI

Immer nur eilen,
nie mal verweilen.
Immer nur hasten,
nie mal rasten.
Immer nur laufen,
nie mal verschnaufen.
Immer nur jagen,
nie mal verzagen.
Immer nur flitzen,
nie mal sitzen.
Immer nur abheben,
nie mal aufleben.
Immer nur springen,
nie mal Ruhe erzwingen.
Immer sich regen,
nie mal sich hinlegen.
Immer nur rennen,
nie mal verpennen.
Immer nur rasen,
nie mal Zeit verquasen.
Immer nur streben,
nie mal wirklich leben ...

 

VII

Hab’ ich denn so das ganze Jahr verbracht?
Das scheint mir aber reichlich übertrieben!
Ich hab’ doch manches Mal auch Halt gemacht!
Allein, wo ist die Zeit denn nur geblieben?
Mir kommt’s so vor  -  es ist wie ein Verdacht  -,
dass ich den Blick auf mein Tun mir verstelle,
dass sich sein Tempo scheint’s verhundertfacht,
nur weil um mich herum regiert die Schnelle.
Holt mich der temposücht’ge Zeitgeist ein
und zieht in seine Unrast mich hinein?


Eberhard Kleinschmidt
Jahreswechsel 2008