Poetry Slam

Auf eine Weihnachtspute

Eine wahre Begebenheit …

Ein Festmahl ist’s: das Weihnachtsessen!
Wie lang ist’s her, dass wir zusamm’n gesessen!
So zahlreich obendrein!
Es hieß: Wir laden dazu ein
nicht nur Familie, auch die Freunde soll’n es ein
und Freunde unsrer Freunde, allesamt.
Und festlich sollt‘ es sein! Wir sind entflammt
von der Idee, ‘ne Tradition hier zu begründen.
Und zünden soll sie, ja, so richtig zünden!
Der Tisch gedeckt mit feinstem Linnen,
der Kandelaber-Leuchten Glanz hier drinnen,
Geschirr mit Goldrand, Silber der Familie,
die Gläser aus Kristall, ach, noch von Tante Emilie …
Ooooh, das wird fein! Dazu die schmucken Gäste,
rausgeputzt, die eingeladen zu dem Feste …

Beraten wird nun viel und lange.
Am Ende ist man gar nicht bange,
man ist vielmehr ganz Flamm‘ und Feuer
und lässt sich ein auf’s Abenteuer,
wie es nun werden soll, das Essen.
„An welchem Vorbild sollen wir uns messen?“
so fragt man sich. „Na klar! Amerika!
Der Weihnachtsschmaus mit Truthahn, ja!
Das ist’s! Dort gibt’s ‘ne lange Tradition.
Hab’n wir gesehn im Film doch schon.“
Fragen über Fragen
nun die Gemüter plagen:
Wie wird die Pute zubereitet?
Was für ein Essen sie begleitet?
Wo kriegen wir den Truthahn her?
Sind 15 Kilo nicht zu schwer?
Passt er dann in den Ofen rein?
Ist unser Bräter nicht zu klein?
Muss man ihn vorher gar zerhacken
und stückchenweise in die Röhre packen?
Ob wir uns auch nicht überfordern?
Ach was, wir werd’n den Vogel ordern!
Doch glücklich sollt‘ der Puter sein,
gut sollt’s ihm gehen beim Gedeihn!“
Gesagt, getan,
man macht sich dran …

Nun sind sie alle da, alle sind gekommen,
die geladen, alle haben Platz genommen,
die Spannung steigt, Erwartung groß,
was da wohl auf sie zukommt bloß …
Und nun wird aufgetragen,
was vorbereitet schon seit Tagen:
Wie zu Thanksgiving in Amerika
sind Süßkartoffeln, Kürbis, Bohnen da …
Was sonst noch beigelegt, sei übergangen,
ist Nebensache. Denn aller Blicke sind gefangen
doch vom Hauptgericht, dem Braten -
wirklich, muss man sagen, wohlgeraten -
ein Augenschmauß.
Ei der Daus!

Doch halt! Da fehlt noch was … Ach ja, die Rede
des Hausherrn. Alter Schwede!
Was da nun kommt!?
Wem das wohl frommt!?
Der Hausherr, sonst ja Bühnendichter,
als solcher auf Erfolg erpichter,
er schmeißt sich in die Verse nun.
Bei der Wahl der Worte – kein Vertun!
Willkommensrede an die Gäste? Nein!
Das nicht! Ein Wort der Pute muss es sein!
Der Redner fühlt sich in die Pute rein,
empfindet mit die Seelenpein,
die sie bisher hat ausgehalten,
bis sie jetzt auf dem Tisch,
goldbauner Festtagsbraten, frisch.

Hier ihr Klagen, Originalton, hört mal hin,
hört selbst, was ihr geht nicht mehr aus dem  Sinn:
„Da steckt’ ich nun im Ofen drin
und wußt‘ kaum noch, wer ich wohl bin.
Was ich mal war, ist schnell vergessen,
denn jetzt steh’ ich als Weihnachtsessen,
wohl zubereitet, auf dem Tisch,
gut duftend, braun gebrannt und frisch.
O je, o je, mir wurd‘ so heiß,
wie ich da lag auf meinem Steiß,
gerupft, gestutzt und ausgenommen.
Wie gerne wär’ ich da entkommen!
Ganz hilflos war ich in der Pfanne,
bald liegend wie in einer Wanne,
die Schenkel beidseits hoch gereckt,
bald bäuchlings kauernd hingestreckt,
bald auf die Seite dann gerollt,
mal links, mal rechts, ganz ungewollt -
und alles dies mit vollem Bauch,
ganz voll gepfropft nach altem Brauch.
Was hatt‘ man nicht hineingestopft
in diesen Bauch, der jetzt betropft
von Zeit zu Zeit mit feiner Brühe,
auf dass mein Fleisch so recht erblühe?
Geschleift erst durch den ganzen Küchengarten,
traktiert dann mit Gewürzen aller Arten,
dass wenig vom Gewürzbord übrig blieb,
vom Salbei, Rosmarin mehr als mir lieb.
Maronen, Zwiebeln in mir stecken,
Orangen den Geschmack erwecken.
Umwickelt noch zu allem Überfluss
mit Bauchspeck ohne Schwarte, Hochgenuss,
wie’s heißt, angeblich ein Vergnügen
für jeden Gaumen, um ihn ja nicht zu betrügen.
Ach ja, bald weiß dann keiner mehr,
wer ich mal war, wo ich bin her-
gekommen, dass aus Langelingen
von sehr weit her man tät mich bringen.
Wo das nun liegt? Ihr wisst es nicht?
Unweit von Celle liegt’s, ganz dicht.
Ein Putenhof war mein Zuhaus’.
War nicht so schön … Ich lass das aus …
Was aus mir wurde, seht ihr nun:
Ein Festtagsbraten! Da gibt’s kein Vertun!
Na ja, genug! So viel von mir …
Wohl oder übel bin ich hier …
„Bon appetit!“ sag‘ halt ich eben,
ich weiß ja: Niemand kann von Luft und Liebe leben …“

Der Hausherr hat geendet … Tiefes Schweigen …
Er guckt sich um … Die Köpfe neigen
sich … Jeder schaut betreten vor sich hin …
Der erste sagt: „Sorry! Ich weiß es nun, dass ich Veganer bin …“

 


An den Baum des Lebens

Da stehst du nun, du alte Tanne, mächtig,
als könnte nichts dich aus der Ruhe bringen,
als würde, was geschieht, gescheh‘n bedächtig,
als wär’s unmöglich, dich zu was zu zwingen.
Dein hoher Wuchs ist so unnahbar-prächtig,
als könnte nichts von außen in dich dringen.
Dein Alter ruht, wie’s scheint, in sich. Und ich?
Was sehe ich in dir?  Bist Abbild du für mich?

Wie stolz du dich nach oben streckst mit Zweigen,
die sich, etagengleich geschwungen, weit,
vom Stamm hinweg, gezielt nach außen neigen,
die, unten lang, verschwenderisch und breit
und oben, sparsam werdend, kurz sich zeigen,
um dann, dies Jahr für Jahr erneut bereit,
im Ende, beim Verzweig‘n, als grüne Krone
hin zu gelangen bis zur Himmelszone.

Begegnung ist’s. Mein Auge langsam gleitet
an dir herunter, von der Spitze an
hinab zur Sohle. Wie mich da begleitet
Erinnerung! Wie war das doch? Und wann?
Was hat die Zeit im Leben mir bereitet?
Ob ich all das zusammenfügen kann?
Du Baum, in dir sich alles widerspiegelt,
was in mir all die Jahre fest versiegelt!

Oh je! In deinem Wipfel welch Gedränge!
Die Tannenzapfen in die Höhe ragen,
‘ne große Schar, ‘ne wuselige Menge.
Wie sie sich um die besten Plätze schlagen!
„Erst ich!“ „Nein ich!“ „Lass mich!“ Und welche Enge!
Fast sieht’s so aus, dass sie im Spiel sich jagen.
Ja, so erneuerst du dich, alter Baum,
weil Kinder sich zum Glück nicht halt‘n im Zaum.

Und nicht nur hier geht’s jugendlich noch drunter
und drüber im leuchtend-hellen Immergrün,
wenn ich in Stufen blicke weiter runter.
Da sprießt es dicht auf dicht, da will’s erblühn,
da ruft’s mir zu: „Auf, auf! Bleib frisch und munter!
Bleib jung wie wir! Lass ab von deinen Mühn!“
Ach ja, wie gerne würde ich das tun!
Die Sehnsucht ist ja da, lässt mich nicht ruhn …

Und abwärts geht’s in all die reifen Jahre,
die reichste Zeit in deinem grünen Leben,
in dem auch ich in Raum und Zeit gewahre
so viel an Hoffnung, Wünschen, Tatkraft, Streben,
in dem ich noch einmal  zutiefst erfahre,
was mir vom Universum mitgegeben.
Das Gleichmaß deines Astwerks doch, es trügt,
weil nie in Dauer-Harmonie sich‘s fügt.

Denn eben ist’s noch ruhig, so wie jetzt:
Ein sanfter Wind, im Hin-und-her-sich-Wiegen,
den Frieden im Geäst noch nicht verletzt.
Doch plötzlich, vehement, die Zweige biegen
sich, ächzen, sträuben sich, vom Sturm gehetzt;
die Zapfen, wild fast, umeinander fliegen.
Der Stamm indes, er hält es aus zuletzt.
Natur lässt so leicht sich nicht unterkriegen,
sie beugt sich, lässt sich aber nicht besiegen.

So geht’s mal auf, mal ab in diesen Zeiten:
Erfolg steht neben Misserfolg, Gesund-Sein
neben Krank-Sein. Glück und Unglück streiten
in meinem Herzen. Hauptsache, das Bunt-Sein
behält die Oberhand bei Schwierigkeiten
und nicht das Grau, das Jammern und das Wund-Sein.
Dein Grün, die Hoffnung, mich hat’s weit getragen
in hellen wie in dunk‘len Lebenslagen.

Am Rumpf jetzt unten langsam angekommen,
im Alter, in dem Grund, aus dem sich speist,
was alles ich bisher hab wahrgenommen,
die Zweige neigen sich hinab zumeist,
so tief, als hieß‘ die Erde sie willkommen,
schon etwas müde, wie‘s mir scheint, im Geist.
Doch breiten sie die Arme so weit aus,
dass Gleichgewicht sich stets verzweigt im Haus.

So, Tanne, schaffst du‘s, in mir zu vereinen
die Lebensalter, die so oft getrennt
und miteinander unvereinbar scheinen.
Ob jung, ob alt, kein einz’ges Element
tust du in seinem Dasein je verneinen;
du nimmst es an, selbst wenn es different.
Von Alt zu Jung, von Stuf‘ zu Stufe du erwirkst
aufs Neu, was du seit Anbeginn schon in dir birgst.


Knecht Ruprecht,
na, wart’s nur ab!

„Von drauß vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein blitzen …“

(Theodor Storm, 1862)

Was ist das?! Es naht, es fliegt, es stürmt
heran, ein dunkles Etwas, wächst, es türmt
sich auf, wird groß und größer … stürzt, es fällt,
oh nein! auf mich, der sich dagegen stemmt und stellt …
Unter’m Deckbett strample ich wie wild,
verkrieche mich. Dass ES mich bloß nicht killt!
Dass ja nicht irgendwas von mir guckt raus
aus meinem sich’ren Bettenhaus!
Der Kopf, die Beine, Arme, Hände –
ES rasiert sonst alle ab, wenn ES sie fände!
Zerstückelt mich! Rein, in den Sack!
Und weg bin ich, weg, huckepack!
Knecht Ruprecht ist’s, ich seh’s genau:
rot-braun die Kutte, Bart ist grau,
Kapuze, finster das Gesicht,
mit glüh‘nden Aug‘n mich fast‘s ersticht,
oh nein! die Rute,
die Knute,
der Sack,
hack, hack,
bin gleich zerhackt
und eingesackt …
„Von … drauß … vom Wald …“
‚Ich kann’s doch bald!
Dann hab‘ ich‘s drauf
und sag es auf!

Das ist ein Strampeln,
Hampeln,
Trampeln,
ein Treten, Stoßen, Um-sich-Schlagen …

Ach was!
Was soll denn das?!
Ich glaub, ich spinne!
Nicht du hier, ich gewinne!
Ich bin doch dran!
Pack mich nicht an!
Hier kommst du mir nicht rein
in meine Bettenburg, nein, nein!
Mich kriegst du nicht,
du Bösewicht!‘

‚Wart‘s ab, es geht dir an den Kragen!
Ich wehre mich.
Ja, hüte dich!
So einfach kommst du nicht davon!
Bin nicht allein. Hier ist ‘ne Garnison,
‘ne ganze Batallion, die steht mir bei,
die schießt dich Wichser glatt zu Brei!‘
Und was da ist, wird hergeschafft,
was von großer Durchschlagskraft:
‘ne Truppe Zinnsoldaten mit Gewehren,
Kanonen, Mörser, all die schweren
Geschütze, die den Feind verschleißen
und, ganz klar, den Sieg verheißen.
‚Hach, das wird ein richt’ges Fest,
wenn meine Übermacht dir gibt den Rest!
„Von drauß vom Walde komm ich her …“
Na, geht’s noch?! „… es weihnachtet sehr“ …!
Gleich wirst du‘s erleben,
wie die Weihnachtsengel um dich schweben!
Soldaten! Ran! Auf los geht’s los!

Und es geht los.
Was erzähl‘ ich bloß
von dem, was da passiert,
was Knecht Ruprecht nun abkassiert:
Die Bettenburg, sie wird zur Zitadelle
auf die Schnelle,
mit Zinnen, Wehrgang, Scharten,
wo sie alle auf ihn warten.
Auch ich, ich lege Hand mit an.
Ich bin, na klar, ganz vorn mit dran.
Ich schnappe fix mein Holzgewehr.
Kann’s nicht erwarten. Wo ist er?
Schon am Burgtor auf der Brücke?
„Mach ‘ne Mücke!“
Hinter’m Gitter leg‘ ich an. Ich ziel‘ auf seinen Schoß.
Zack, mein Schuss geht los
und trifft ihn gradwegs unterm Bauch.
Autsch, das tut weh! Das soll es auch.
Er dreht sich um,
wie dumm!
Er läuft zurück,
doch damit hat er nun kein Glück,
denn jetzt trifft ihn mein nächster Schuss
… was muss, das muss …
in seinen Po. „Au Backe“,
denkt er, „der traf … so ‘ne … K….!“
Es bleibt nicht nur bei dieser Prellung.
Die Zinnsoldaten bringen sich in Stellung.
Das schießt, das ballert, bummert, knallt aus vollem Rohr.
Da bleibt‘s nicht bloß bei einem appen Ohr.
Wie bei meiner Marionette, wenn sie zerlegt,
so fliegt’s jetzt um die Wette, unentwegt:
erst hier ‘ne Hand, dann da ‘ne Hand.
Guck da: ein Arm, ein Bein entschwand
und noch manch andres Teil, wie weggepufft
im Nu! Huiii, wie lustig fliegt das durch die Luft!

Die Belagerung kommt nun zum Ende.
Zu tun hab’n aber nochmal alle Hände,
der Mut ist längst nicht abgeebbt.
Der dicke Mörser rangeschleppt,
hinter Zinnen gut platziert,
Ziel fixiert,
Lunte brennt
exzellent,
frisst sich ran,
oh Mannomann,
rums!
es kracht
… wer hätte das gedacht,
wär‘ ja gelacht …
ein Blitz, ein Schlag,
der Tag
entfleucht
wie weggescheucht …

Und als der Pulverdampf verraucht,
da sieht man’s, wie er sich verhaucht,
der Kopf, der rollt, sich trollt
und stöhnt im Kullern: „Das hab doch so ich nicht gewollt!“
Er rollt den Bettenburgberg runter,
o.k., nicht mehr ganz frisch und munter.
Was schließlich da liegt vor dem Bett,
das flüstert noch: „Das war nicht nett!“,
ein Rumpf, der grad noch übrig bleibt
vom Kinderschreck, der nun entleibt …

„Beruh’ge dich! Ich bin doch da.
Ich bin bei dir. Wird alles gut, ja, ja.“
Die Mutter ist’s, besänftigt mich.
Wie immer schon, verlegt sie sich
auf ihren Spruch (den nun ich aber nicht mehr brauch‘):
‚Was andre können, kannst du auch!‘
Hab keine Angst! Wir gehn da hin.
Du weißt doch: ich ja bei dir bin.“
„Na gut“, denk ich, „wenn du wüsstest …“ Und bin dann dort
vor Ort.
Knecht Ruprecht auch,
wie’s halt Brauch
mit Sack und Rute,
seiner Knute,
inmitten einer großen Kinderschar
wie ja schon vergang’nes Jahr.
„Wart’s nur ab! Mich kriegst du nicht!“
Und bin dann dran mit dem Gedicht:
„‘Von drauß vom Walde … komm ich her …‘
Fick dich! Ich will nicht mehr!
Verhau mich doch! Ja, schlag nur zu!
Ich hau‘ zurück! Ich mach’s wie du!“


Der Nacktmann

In diesen Tagen bin ich nackt …

Kleine Vorgeschichte, ein paar Tage her. Chat bei Facebook. Ich lese: „Den ganzen Tag Home-Office, wo Frau und Kind nicht da sind. Es sagt dir keiner, dass Du um 13.38 noch immer die Schlafanzughose trägst. Habe mich umgezogen. Trage jetzt eine Jogginghose. Fühle mich gleich viel professioneller.“ Daraufhin ich: „Hab mir bei der Wärme auch grade ‘ne Hose angezogen … Der Paketbote kommt gleich und bringt mir das erwartete Päckchen …“ Reaktion: „Immer diese sozialen Zwänge! Furchtbar!“ Kurze Zeit später wieder ich: „Postbote war eben da. Kann jetzt bei den fast 40 in Grad in der Arbeitsbude meine Hose wieder ausziehen …“ Schließlich ich nochmal: „Huch! Es klingelt! Ich stürze wieder in meine Hose! Uff! Nochmal Glück gehabt: die Nachbarin steht vor der Tür! Immer diese Störungen! Ich möchte bei dieser Hitze jetzt endlich mal mein Nacktsein genießen!“ Das hat mich zu diesem Text angeregt: Also …

„Leute,
ich sag’s euch heute:
In diesen Tagen bin ich nackt …
Ist das beknackt?
Bei dieser Hitze
ich schwitze.
Der Schweiß,
bis zum Steiß
er läuft
und da sich häuft!“

Der Nacktmann sagt’s
und wagt’s,
zieht sich ganz aus,
macht sich nichts draus.

„In diesen Tagen bleib ich einfach nackt!
Ist das vertrackt?
Hab gar verkackt?
Ich ziehe mich jetzt nicht mehr an.
Ich mag nicht mehr! Ist zu viel dran.
Zu warm! Ich gehe nackt ins Bett.
Pyjamahose? Klebt wie’n Korsett!
Wache nackt am Morgen auf,
genieße nackt der Dusche Lauf,
da brauch‘ mich erst gar nicht auszuziehn.
Ne Hose dann? Hab ich ‘nen Spleen!?
Die brauch‘ ich nicht beim Frühstück-Machen,
auch nicht bei all den andren Sachen:
beim Smartphone-Check, beim Zeitung-Lesen …
Als wär’s schon immer so gewesen,
bleib‘ eben nackt bei dieser Hitze,
wo ich doch schon beim Denken schwitze.“

„Es klingelt. Telefon. Geh‘ ich ran?
Ich zögere, hab‘ doch nichts an!
Ach Quatsch! Ich skype ja nicht!
Wer anruft, hat doch keine Sicht!“

Die Hitze,
in jede Ritze
sie dringt
und zwingt
den Nacktmann
dann,
erschöpft,
wie geköpft,
sich zu setzen,
sich zu benetzen
die Stirn.
Sein Hirn,
benommen,
verschwommen,
betäubt
sich sträubt,
es spinnt,
zerrinnt,
zerläuft,
ersäuft
im eignen Saft.
Erschlafft,
geschafft,
ohne Kraft
dahingerafft,
die Sinne schwinden
und überwinden
was real, was war, was ist,
was die Zeit bemisst …
Fantasien,
Utopien,
Wünsche, Träume,
langersehnte Räume
im Innern werden wahr.
Und ohne Gefahr,
wie im Traum, er plötzlich ist –
Nudist,
zieht ungeniert
und couragiert
hinaus in eine nackte Welt,
die hüllenlos zusammenhält.

Und er geht los,
von Hüllen bloß.
Er geht jetzt durch die Stadt,
die so, mit diesen Augen, er noch nie gesehen hat.

Er denkt: „Es ist so furchtbar heiß.“
Er sieht ein Eiscafé. „Das ist’s. Ein Eis!“
Nach ein paar Schritten ist er drin.
Er setzt sich hin und winkt die Kellnerin.
Die kommt, sie bleibt wie angewurzelt stehn
und starrt ihn an. Drauf er, ganz ungeniert:
„Hab’n Sie noch nie ‘nen nackten Mann gesehn?“
Und sie: „Ja schon, ich frag‘ mich, irritiert,
wie Sie nachher ihr Eis bezahlen wollen!“

Und weiter geht’s nun durch die Gassen,
gemess’nen Schrittes, ganz gelassen.

„Huch! Wen ich da treff?!
Meinen Chef!
Wie Gott ihn schuf.
Nicht im Beruf.
Er sieht mich,
bedeckt sich
mit beiden Händen,
zu verblenden
sein Gemächt.
Wie dumm! Wie blöd! In echt!
Bedeck’ doch dein Gesicht!
Da unten kenn‘ ich dich ja nicht!“

Erheitert geht er weiter. Ganz beschwingt.
Der Marktplatz. Und der Brunnen. Sein Plätschern klingt
herüber, wie bestellt. Und Kinderlachen.
Ja, viele sind’s, die sich am Wasser grad zu schaffen machen.
Das ist ein Spritzen, Pritzeln, Planschen,
Klatschen, Patschen, Panschen!
Die muntre Kinderschar,
einfach wunderbar!
Der Nacktmann zögert da nicht lange,
nicht bange,
plitz, platz,
ein Satz
vom Beckenrand,
rasant,
behände.
Die Kinder klatschen in die Hände
Und alle stimmen fröhlich ein:
„Ein Nackedei, ein Nackibein!“

(„Nackibein“ ist ‘ne Wortschöpfung von Klein-Ida, meiner Enkelin)

Wo geht der Nacktmann danach hin?
„Wenn ich’s recht bedenke, bin
ich jetzt hungrig“, denkt er, „von dieser Lauferei“.
Und so im Gehn kommt grad vorbei
er an einem Restaurant. „Sieht edel aus,
steht ja dran: Fünf-Sterne Haus.
Das passt gut.“ Er kommt nicht weit.
Der Türsteher steht nämlich schon bereit.
„Ohne Krawatte kommen Sie hier nicht rein!“

Auf diese Weise,
auf seiner Nacktwahn-Reise,
zieht der Nacktmann weiter,
immer heiter,
durch den Ort
in einem fort,
und ist dann schließlich hier im Raum,
im Traum
und denkt:

„Geschenkt
sei auch euch,
bevor ich gleich entfleuch,
das totale Nackt-Sein.
Gedankenspiel. Experiment,
vielleicht als Happy-End?
Lasst euch drauf ein,
schaut nicht so skeptisch drein!
Überwindet mal die inn’ren Schranken!
Nur so zum Spaß, nur in Gedanken:
Mal weg mit den Textilien,
bei dieser Wärme läst’gen Utensilien.
Denkt euch mal rundum nackig!
Aber zackig!
Und du, und du, und du,
du sitzt im Nu
jetzt Eva gleich
und Adam, liebreich,
von Gott geschaffen
wie die Affen
ohne Hüllen da,
splitternackt, ja, ja.
Schaut euch nur um,
ziert euch nicht drum!
Ob Nachbar, Nachbarin,
ja, schaut nur hin,
ist kein Tabu,
sie sind ganz nackt wie du –
ist nur der Unterschied, der kleine …
Na ja, ihr wisst schon was ich meine …“

 

Soviel auch zum Thema „Weisheit des Alters“. Ich werde schließlich im nächsten Jahr 80. Worauf also noch warten? Meine Devise: „Die Weisheit des Alters ist Unvernunft“.


Aufschieberitis

Die Menschen, die etwas von heute
auf morgen verschieben, sind dieselben,
die es bereits von gestern auf heute
verschoben haben“ (Peter Ustinow)

Was ist das nur? Was mag das sein?
Es stellt sich immer wieder ein.
So irgendwie steckt’s in mir drin
und hält mich ab und hält mich hin.
Ich kann’s nicht greifen, kann’s nicht fassen,
ich kann’s jedoch nicht einfach lassen …

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Ist wie ein Wurm, der an mir nagt,
der mich zutiefst im Innern plagt,
der festsitzt, sich nicht rührt vom Fleck,
der irgendwas von mir frisst weg,
das öfter ich doch schon noch brauch’,
besonders dann, wenn’s nötig auch.

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Was ist es bloß, das mich hält fest?
Was ist’s, das los mich nicht mehr lässt?
Bin ich zu faul? Bin zu bequem?
Fehlt mir die Lust? Unangenehm?
Ja, liegt’s daran, dass Angst ich hab
vor dem, was sonst vielleicht geht ab?

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Ach was! Ich denk’ mal nicht mehr dran
und fange ganz was andres an.
Da gibt’s doch so viel’ schöne Sachen,
die ich nun einfach könnt’ mal machen!
Auf dass mir Abwechslung jetzt fromme,
mein Motto: „Arbeit geh’ weg, ich komme!“
Na ja …

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Tja, manchmal hau ich doch noch rein
und auf den letzten Drücker, mein’,
ich hätte ja noch so viel Zeit,
zu schaffen wär’s, ’ne Kleinigkeit …
Allein, bald steh’ ich auf dem Schlauch
und falle gründlich auf den Bauch:
Hab mit der Zeit zu lang geprasst.
Das End’ vom Lied: Termin verpasst!

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Dann bleibt da noch dies schlechte Gewissen,
das sich in mir hat festgebissen.
Es macht mir auch so richtig Stress,
treibt mich voran bis zum Exzess.
Je länger die Bank, auf die ich’s schiebe,
desto doller schließlich setzt es Hiebe.

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Ja, am Ende liegt’s als ries’ger Berg vor mir,
gebannt nehm’ ich es ins Visier,
’s wird groß und größer, türmt sich auf …
Ich pack’ es nicht, schaff’s nicht hinauf …
Der Pfad bergauf wird lang und länger …
Kein Rückweg … Mir wird bang und bänger …
Ist wie vertrackt … Die Angst mich packt …,
den Puls zerhackt … Der Mut versackt …

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Doch halt! Halt, Halt! Was ist denn das?!
Was ich da hinten seh’ … ist ja krass!
Ein Berg, ein ries’ger Berg, real,
in echt, und oben ein Signal …
Signal? Ein Licht, das in der Sonne blinkt
und mich von Ferne zu sich winkt …
Die Fenster sind’s von einem Gasthaus …
Schon immer wollt’ ich mal in dieses Rasthaus …

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Nein, nein! Ich will da endlich hin.
Ich kenne Leute, die war’n drin.
Da soll es leck’res Essen geben,
das Bier sei gut, der Kuchen, eben
was man sich wünscht nach läng’rer Bergtour.
Jedoch wie setz’ ich das ins Werk nur?
Der Berg so hoch, der Pfad so steil,
der Weg so lang, ein Wahnsinnsteil!
Wie schaff’ ich das in einem Stück?
Wie komm’ von oben ich zurück?

            Ich könnte, müsste, sollte doch …
            und schieb’ es auf … und warte noch …

Ach nee!
Das Gasthaus lockt! Das Bier nicht minder!
Ich mache einfach Zwischenstopps. Denn kinder-
leicht wird’s, wenn ich mal pausiere,
mich an der Aussicht delektiere,
was Süßes aus dem Rucksack esse,
mein Ziel dabei nicht ganz vergesse.
Dann geht es in Etappen weiter.
Und oben angekommen, bin ich heiter:
Das Bier, es schmeckt, das Essen auch.
Ich schlag’ mir richtig voll den Bauch …

            Ich könnte, müsste, sollte doch …?

            Ach nee! Mit Zwischenstopps hab ich’s geschafft! Was will ich noch?!

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

(YouTube: Essen, Stadthagen, Hildesheim)

Die Armenien-Resolution des Bundestages von 2016 ist allen noch gut in Erinnerung. Was ist aber mit dem Massaker in Namibia im Deutschen Kaiserreich?

Ja, Mord war’s, Völkermord, was da geschehn
an Namas und Hereros in „Südwest“!
Ob wir Deutsche endlich dazu stehn,
was lange schon sich nicht mehr leugnen lässt?
Ob öffentlich nun endlich anerkannt,
was über hundert Jahre lang verdrängt?
Ob endlich das, ent-schuldigend, als „Schuld“ benannt,
was früher wir in Afrika an Leid verhängt?

Ich widme diesen Text meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter Zara Hendrichs [ca. 1793-1831], Hottentottin aus dem Stamm der Nama, seit 1814 verheiratet mit meinem Urahn Johann Hinrich Schmelen, seit 1811 Missionar der Londoner Missionsgesellschaft im heutigen Namibia, von 1883-1915 Kolonie des Deutschen Reiches „Deutsch-Südwestafrika“, und ich überschreibe  den Text mit …

Namibia – mit den Menschen im Land verwandt und verbunden …

„Bei dir sieht’s aus wie bei den Hottentotten!
Ist solch ’ne Unordnung nicht auszurotten?!“
die Oma schimpfte, wenn mein Kinderzimmer
nicht aufgeräumt. „Mit dir wird’s immer schlimmer!
Die Hottentotten-Neger, die sind schlecht;
wie die so leben, das hat sich gerächt,
die gibt’s kaum noch in Deutsch-Südwest.
Kein Vorbild sind sie. Du das also lässt!“

Als Kind hab ich nicht nachgefragt,
warum mir wurde das gesagt.
Wer war das denn? die Hottentotten?
Wo waren die? Nicht „auszurotten“?
Dass ich mit denen gar verwandt,
war lange Zeit mir völlig unbekannt.
Da wurde vieles totgeschwiegen.
Das Vorurteil - nicht totzukriegen!
Wie war das nun? Was war passiert,
dass Schwarze so stigmatisiert?

1904
Jetzt war der Aufstand da!
Kein Wunder, was geschah!
Vom Weideland verdrängt,
im Lebensraum beschränkt,
durch Dürre große Not,
gar existenzbedroht,
als Mensch diskriminiert,
durch Züchtigung diszipliniert:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit …“, Grundgesetz Artikel 2 (1)

Ein Bierfass. Drüber nackt ein Mann gebunden.
Die Peitsche zischt. Der Lattenstock drischt drauf.
Da wird ein Mensch geschlagen und geschunden,
weil gegen Unterdrückung er tritt auf,
bis schließlich Rücken und Gesäß zerfetzt.
Was im Bericht steht, wen wird das erregen,
wie Prügelstrafe hier wird eingesetzt?
(Zitat) „Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts dagegen!“
(… so der Kolonialbeamte Wilhelm Vallentin)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar …“ Grundgesetz 1 (1)

Ein Herrenmensch, der Kolonist,
nach Kaisers Vorbild ein Rassist.
Im Größenwahn und Rassenwahn
ist ihm der Neger untertan,
sein Leben, die Kultur nichts wert.
Und wer die Negerin begehrt,
der kriegt sie … Und die Soldaten? …
sie mehren damit ihre „Taten“ …

„Niemand darf wegen […] seiner Rasse, […] benachteiligt […] werden“, Grundgesetz 3 (3)

Am Waterberg, zunächst nur halb besiegt,
die Hereros, nun erst recht bekriegt:
mit ihren Frauen und den Kindern,
mit Tross und Wagen und den Rindern
von Truppen vor sich her getrieben,
dann in der Wüste aufgerieben,
von Wasserstellen abgewehrt,
von Durst und Hunger aufgezehrt,
wird fast ein ganzes Volk vernichtet,
mit Kaisers Willen hingerichtet.

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit …“, Grundgesetz 2 (2)

Am Hals mit Eisen eingeschnürt,
dort angekettet, abgeführt,
in langen Reihen fest verkettet,
dass keiner ausbricht und sich rettet,
so als Gefang’ner deportiert,
gleich Auschwitz Lager-interniert,
der Zwangsarbeit dort ausgesetzt,
erkrankt, verhungert, tot zuletzt –
damit beim Aufstand wird „belohnt“,
wer grad im Kampf vom Tod verschont.

„Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ Grundgesetz 2 (2)

Wer nicht gleich tot, Versuchsobjekt
der Medizin, nicht abgeschreckt,
am Menschen Heilung zu probieren,
nach dessen Tod ihn zu sezieren.
Gar Totenschädel trifft dies Los,
wenn sie, von ihrem Körper bloß,
in Kisten nach Berlin versandt,
für Wissenschaft als Gegenstand …

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Grundgesetz 1 (1)
                                                *
Ja, Mord war’s, Völkermord, was da geschehn
an Namas und Hereros in Süd-West!
Ob wir Deutsche endlich dazu stehn,
was lange schon sich nicht mehr leugnen lässt?
Ob öffentlich nun endlich anerkannt,
was über hundert Jahre lang verdrängt?
Ob endlich das, ent-schuldigend, als „Schuld“ benannt,

was früher wir in Afrika an Leid verhängt?

Wie sich die Bilder gleichen …

(YouTube: Bremen-Vegesack )

Haut doch ab! Was wollt ihr hier?!
Ihr seid anders, nicht wie wir!
Das hier, das ist unser Land!
„Wir sind das Volk!“ Weg mit euch!
Weg, was fremd, was unbekannt!

Wie sich die Bilder gleichen …

Nicht Clausnitz, nicht Bautzen, nicht Dresden, nein, nicht Sachsen 2017, sondern Thüringen im Jahre 1934, Ilfeld im Südharz …
2016: Deutsche gegen Fremde,
1934: Deutsche gegen Deutsche.
Ein Stück Familiengeschichte im Dritten Reich.
Ich widme diesen Text meinem Großvater Hans Kleinschmidt, von 1912 bis 1934 Lehrer an der Ilfelder Klosterschule.

‘ne Kleinstadt, Ilfeld, heute noch wie damals schon,
mit Kloster einst, mit Schule und mit Tradition.
Ein Lehrer mit Familie. Dort seit zwanzig Jahren.
Verankert, so als ob sie da schon immer waren,
die Frau, die Kinder. Als Familie gern gesehn.
Kein Zweifel, auch in Zukunft bleibt das so bestehn …

Ein Etwas schleicht,
es nicht mehr weicht,
durch Straßen und Gassen,
noch nicht zu fassen,
von Haus zu Haus,
tagein, tagaus,
es webt, es klebt,
es klebt, es webt
ohn‘ Unterlass …
Da war doch was?

Der Mann, in Ilfelds Klosterschule anerkannt
und in der Stadt geachtet, ein Repräsentant;
als Bürger bei Projekten immer engagiert:
So wird dank seines Planes nicht nur projektiert,
auch oberhalb des Orts gebaut ein Waldschwimmbad,
das, ja, die Stadt als Kurort noch bis heute hat.

Was war das nur?
Gibt’s schon ‘ne Spur?
Weißt du schon was?
Und stimmt denn das?
Weißt du noch mehr?
Wo kommt die her?
Ist das schon klar?
Und ist das wahr?

Jetzt hundert Jahr‘ zurück in die Vergangenheit,
in’s heutige Namibia: In dieser Zeit,
ein deutscher Missionar, für Mission entbrannt,
von London aus ins ferne Afrika entsandt,
die Namas hin zum Christen-Glauben zu bekehren
und sie das Evangelium zu lehren.
Er heiratet ‘ne Schwarze aus dem Nama-Stamm,
weil keine weiße Frau aus Deutschland zu ihm kam.

Ne Negerin?
Ne Hottentottin?
Aus Afrika?
Nicht wahr!
Unreines Blut!
Undeutsches Gut!
Aus fremden Rassen!
Wie wir das hassen!
Sind nicht wie wir!
Was woll’n die hier?!
Ein Schandfleck!
Die müssen weg!

Die Nama-Frau, die Ur-Großmutter, das Verhängnis:
Sie bringt den Lehrer samt Familie in Bedrängnis.
Dass diese Frau, sehr sprachbegabt, einst übersetzt
in’s Nama das Neue Testament – unerheblich jetzt.
Das Negroide passt nicht zu der Nazi-Ideologie.
Das lässt man die Familie spüren … irgendwie …

Ein Etwas schleicht
und nicht mehr weicht
durch Straßen und Gassen,
zu spüren, zu fassen,
von Haus zu Haus,
tagein, tagaus,
es webt und webt,
es klebt und klebt,
es moppt und moppt
und nicht mehr stoppt …

Was bleibt da noch am Ende, als das Feld zu räumen?
Hat schließlich keinen Zweck, sich da noch aufzubäumen
im Angesicht von so viel Abwehr, Abscheu, Hass.
Der Nazi-Rassenwahn ist nun das einz’ge Maß.
Das einst’ge Ansehn der Familie ist vergessen,
nur an der Hottentottin wird sie noch gemessen.
So gibt sie auf und zieht aus Ilfeld sich zurück,
sucht in der Großstadt, in Hannover, nun ihr Glück …

Ja, wie sich die Bilder gleichen. Nichts dazu gelernt?

Nicht Clausnitz, nicht Bautzen, nicht Dresden, nein, nicht Sachsen 2017, sondern Thüringen im Jahre 1934, Ilfeld im Südharz …
Bei der Kommunalwahl im März 2016 haben übrigens 28,1% der Wähler im Südharz aus dem Stand heraus die AfD gewählt …

Haut doch ab! Was wollt ihr hier?!
Ihr seid anders, nicht wie wir!
Das hier, das ist unser Land!
„Wir sind das Volk!“ Weg mit euch!

Weg, was fremd, was unbekannt!

Spurensuche im heutigen Namibia

AFD … Hass … Ausklammerung ohne Schuld?
Nur nach Hautfarbe? Rassenhass?
Drittes Reich? Kommt das alles wieder?
Das Leugnen aus Angst?

Musst du wieder aus meiner Ahnenreihe verschwinden,
Zara, du, schwarze Hottentottin aus dem Namastamm?

Nein, Zara, jetzt wo ich dich gefunden habe,
mitten in Afrika, da weiß ich, was uns alle eint –
ohne Unterschied der Hautfarbe …

Spurensuche im heutigen Namibia

Wie find ich dich?
Und wo im Nirgendwo?

Bist unbekannt, kein Name, wie nicht geboren,
ein Loch in meinem Ahnenpass vom Dritten Reich.
Gar ohne Existenz? Ein weißer Fleck? Verschollen? Verloren?
Nein, ausgeklammert, totgeschwiegen … beides zugleich.
Mit deiner Haut bist bei den Nazis du nicht auserkoren,
bist blond ja nicht, ohne blaue Augen, bist nicht bleich.

Wie find ich dich?
Und wo im Nirgendwo?

Und doch. Sehr spät. Man nimmt sich deines Schicksals an.
Man sucht, man forscht, man tastet sich an dich heran.
Man findet dich samt deinem kurzen Leben,
wie du, Missionsgehilfin, hingegeben,
die Bibel in die Nama-Sprache setzt …
die Spur von dir, indes, mit deinem Tode sich verliert zuletzt …

Wie find ich dich?
Und wo im Irgendwo?

Doch halt! Da ist ein Bild im Buch jetzt über dich!
’ne Nama-Frau, wie du wohl warst, ein Stich.
So sah sie also aus! Wie ausdrucksvoll ist dies Gesicht!
Oval und schmal. Das Kopftuch hochgesteckt und schlicht.
Das bist du, Zara, du! Dein Bild lässt mich nicht los.
In meinem Herzen wird es übergroß.
Ich muss es suchen, dort, wo du zu Hause bist!
Ich muss es finden, dort, wo das Land der Nama ist!

Ich muss da hin, ins Land der Ahnen, wo sie war!
Nicht dich nur, Zara, mich muss ich dort suchen, finden.
Ich seh’s im Spiegel. Mein Gesicht und deines. Zwar
weiß ist mein’s und deines schwarz. Verbinden
tun sich aber uns’re Züge wie zu einer Einheit.
Die Ähnlichkeit, vergessen macht sie uns’re Zweiheit.
Ich bin wie du. Verwandtschaft ist’s aus Schwarz und Weiß.
Da hin! Nach Afrika! Dies Land gibt unser beider Spuren preis!
Es muss, es muss …

Doch wo bist du dort in Namibia, ja wo
in diesem unermesslich weiten Irgendwo?

So groß, so leer, so wen’ge Menschen, wen’ge Orte!
Wo finde ich in diesem ries’gen Land die Eingangspforte
zu dir? Nur Steppen, Wüsten, Dünen, wie es scheint,
Gebirge, Schluchten, trockne Flüsse. Wie vereint
der Mensch ein würd’ges Leben mit der Kargheit, die
ihn hier umgibt? Wie konntest, Zara, du hier leben?

Was hast du, Missionsgehilfin, Menschen mitgegeben
in einem Land, wo heute Reich und Arm getrennt
nach Weiß und Schwarz in Städten und in Townships wohnt?
Ja, dort muss ich suchen, nicht wo weiße Angst heut’ thront,
wo ’ne hohe Mauer, Stachdraht-bestückt, die Villa schützt,
wo schwarze Arbeitskraft den Weißen nützt.
Ja, dorthin muss ich, in diese ries’gen Townships, weit vor den Rand
der Städte, wo man die Farbigen hat hin verbannt,
dort wo sie leben in Behausungen aus Blech und Holz,
wo’s aber nicht gelungen ist, zu brechen ihren Mut und Stolz …

Und bin dann dort …
… in diesem ries’gen Irgendwo …

Und plötzlich da … noch fern … sie nähert sich …
das Bild, der Stich … ja, ich erinn’re mich …
das muss sie sein … ja, dies Gesicht!
Das ist sie, ja, ich täusch’ mich nicht!
Wie Zara steht sie jetzt vor mir.
Zwei kleine Kinder sind bei ihr.
Ich frage, es bestätigt sich:
’ne Nama-Frau, wie auf dem Stich
mit Kopftuch, schmal, dieselben Züge.
Kein Zweifel! Zara! Zusammenfüge
ich rasch, was beide uns verbindet:
die Ahnin, sie, die Nama, mich.
Zaras Gesicht, es ist wie dein’s …
die Ähnlichkeit … es ist wie mein’s …
Ich sah’s im Spiegel. Mein Gesicht und dein’s.
Zwar weiß ist mein’s und deines schwarz. Verbinden
tun sich aber uns’re Züge hier zu einer Einheit.
Die Ähnlichkeit, vergessen macht sie uns’re Zweiheit.
Ich bin wie du. Verwandtschaft ist’s aus Schwarz und Weiß.

Begegnung hier in Afrika, unser beider Spuren geben es preis …

Der Wasserfall

Das Element des Wassers hat zu allen Zeiten die Dichter und Philosophen motiviert, es symbolhaft auf die Situation des Menschen zu beziehen. Wohl das älteste Zeugnis stammt von dem antiken Philosophen Heraklit (535-475v. Chr. -> aus dem 5. Jh. vor Chr.): „Panta rhei/Alles fließt, Alles ist im Fluss.“ Gemeint ist, dass alles in der Welt einem ewigen Wechsel unterworfen ist: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, hat Heraklit gesagt. Auch mich als Poeten hat das Element „Wasser“ des Öfteren  in den Bann gezogen, besonders einmal beim Anblick eines Wasserfalls in Österreich. Da ging mir durch den Kopf, wie sehr unser Leben in seiner zunehmenden Hektik einem Wasserfalls vergleichbar ist, einem Wasserfall in seinem Verlaufe von der Quelle bis hinunter zur Einmündung in einen größeren Fluss, einen Strom: menschliches Leben von seiner Entstehung bis zur Auflösung in einem größeren Ganzen …

Der Wasserfall

Ein Plätschern ist’s, wie murmelnd Singen,
ein Glucksen, Gluckern, gurgelnd Klingen,
was da bald sprühend, sprudelnd, springend,
bald hüpfend quirlig abwärts dringend,
dann kurz mal ruhig-sanft im Gleiten
das Wasser will ins Tal geleiten.

Als Rinnsal einst dem Fels entkommen,
war’s anfangs erst noch wie benommen,
bewegte zögernd sich hinunter.
Doch bald im Fallen schon ganz munter,
mag’s länger nicht am Hang verweilen
und muss, getrieben, vorwärts eilen.

Was drängt es denn, nicht mehr zu rinnen?
Was glaubt’s durch Schnelle zu gewinnen?
Warum im Wachsen Sturzbach werden
und unterwegs sich nicht mal erden?
Die Ruhe scheint nicht seine Sache:
„Nur ja nicht enden bloß als Lache!“

Doch halt! Dort fließt’s in and’ren Bahnen:
Wie achtsam es in filigranen
Kaskadenschleiern sich bewegt,
von Stuf’ zu Stufe, kaum erregt,
ein Film, opalen fast, im Laufen,
als wollte es sich hier verschnaufen!

Gebremst wohl eher scheint die Kraft,
weil unverhofft der Bach erschlafft
in Mulden, die nun selbst erheben
woll’n, was genommen, was gegeben
an Fülle für des Wassers Wand
im Überlauf von Rand zu Rand.

So aufgehalten sich zu sehen,
lässt ungern er mit sich geschehen,
weil’s seinem Wesen nicht entspricht:
geradezu darauf erpicht
ist er, mit Gefälle zu fallen, zu fliegen, ja fliehend zu fließen,
statt ganz gemächlich sich in Schalen zu ergießen.

Auf Ruhe folgt auch gleich Bewegung.
Oh nein! ’s ist eher doch Erregung.
Denn Brocken nun die Bahn verbauen,
als Hindernis das Wasser stauen,
um mit ihm um die Macht zu ringen  --
doch nur den Umweg sie erzwingen.
 
Dass Felsen es wagen, sich entgegenzustellen,
lässt aufschäumen wütend und weiß die sonst hellen
und durchsicht’gen Fluten, sich fast überschlagend,
zu Bündeln geballte, einander verjagend,
dass hoch spritzt die Gischt und entwischt aus der Enge
des Bettes und heftigem Wellengedränge.

 

Und so stürzt er weiter dem Tale entgegen,
und nichts mehr, rein gar nichts mehr kann ihn bewegen,
mal nicht mehr verhastet nach unten zu schießen,
dafür noch mal gleitend in Ruhe zu fließen,
dafür mal nach rechts, mal nach links zu schauen
und sinnend dem Fluss seines Daseins zu trauen.

Nein, tiefer und tiefer jetzt geht’s in die Schlucht
kopfüber mit ohrenbetäubender Wucht.
Aus Rauschen wird Brausen und donnerndes Dröhnen,
ein knallendes Krachen und tosendes Tönen.
Aus Ordnung wird Chaos und wilde Zerstörung,
aus Ruhe und Gleichmaß wird blinde Empörung.

Und dann? Es verliert sich am Ende das Toben
im Strome, der aufnimmt und bändigt, was droben
in wechselnden Fällen gescheh’n und gewesen.
Dies wird in der Weite der Strömung gelesen,
besehen, belassen wie’s war und wie’s ist,
bis allmählich die fließende Zeit es vergisst …


Das Geschenk

Ihr kennt das:  Weihnachten steht vor der Tür. Oh je, was schenke ich Mama, was schenke ich Papa? Was kriegt Tante Isolde, was Onkel Tristan? Die sind immer so lieb zu mir. Denen muss ich unbedingt was schenken, aber was bloß? – Nun, hört, was mir passiert ist. War zwar nicht kurz vor, sondern nach Weihnachten, kurz vor Silvester. Passt aber auch schon zu Weihnachten. Titel meines Textes …

Das Geschenk

Nanu! Es klingelt. Wer mag’s sein?
am Vormittag Besuch? Ach nein,
die Post, ein Mann von DHL.
„Paket? Für mich?“ „Für Sie speziell.
Und nicht nur eins. Es sind gleich drei,
ein großes und die kleinen zwei.
Und unterschreiben, bitte hier!“
Pakete? Jetzt noch? Wer schickt mir
nach Weihnachten noch ein Paket?
Hab’ nichts bestellt! Wer das versteht!?
Was da bloß drin ist … keine Ahnung …
Passt gar nicht ’rein in meine Planung …
Wollt’ eigentlich was and’res machen …
Hab’ keinen Nerv für solche Sachen …
Und überhaupt  -  von wem? Was steht
hier oben? … „Unbekannt“ … Das geht?
im Feld für den Versand kein Name?
Na klar, wohl wieder nur Reklame!
Vielleicht auch gar ein Terrorist?
Ach Quatsch, vergisst ja, wer du bist!
Wo fang’ ich an? Bin doch gespannt,
was der mir schickt, der nicht genannt …
Und welches nun zuerst? Ich picke
heraus mal … dies Paket, das dicke.
O je! Wie fest verschnürt, verklebt!
Die Pappe sich ja gar nicht hebt …
So viel Verpackung, viel Papier!
Ich brenne nun schon vor Begier-
de, endlich, endlich rauszukriegen,
was mir dies Ding bisher verschwiegen.
Da, ein Karton, so groß, so leicht,
dass eine Ahnung mich beschleicht,
man habe sich ’nen Scherz erlaubt
und mich gefoppt … und überhaupt …
mein Atem stockt … In großen Lettern
steht oben auf  -  grad’ wollt’ ich wettern  -
dem bunten Deckel: „Geschenk für dich!“ ---
Nun gut, mit Müh’ besinn’ ich mich,
ich öffne, suche und entdecke
ganz unten in der einen Ecke
ein goldverziertes, kleines Blatt,
wie man’s als Gutschein manchmal hat,
mit diesemText: „Halt’ dich bereit!
Gewonnen hast du ganz viel Zeit …“ ---
Na ja, nicht schlecht, was für ein Hit!
Jedoch, was mach’ ich jetzt damit?
Mal schau’n, was in den Päckchen drin,
die mit dabei. Noch ein Gewinn?
Im ersten sind noch klein’re Päckchen
und da, da ist sogar ein Säckchen!
Und alles hübsch verpackt mit Bändchen,
Geschenkpapier, mit fleiß’gen Händchen!
Ich greif’ mir dieses raus … ein Buch …
das kenn’ ich doch … hab’s beim Besuch
von Meyers mal geschenkt gekriegt;
seitdem es ungelesen liegt.
Da steht sogar mein Name drin!
Wie kann das sein? Macht das denn Sinn?
Hat der, der Unbekannte, gar
mein Buch geklaut?  -  ist wohl nicht wahr!  -
und „schenkt“ es mir zu Neujahr wieder:
„Los, lies es mal!“ Da legst di nieder!
Kaum wag’ ich auszuwickeln, was
mir sonst noch „schenkt“ dies Super-Ass:
CDs aus meiner Sammlung  -  dick verstaubt;
mein Schachspiel auch  -  verlegt geglaubt;
mein Tagebuch  -  nicht ausgeführt;
mein Fitnessplan  -  nicht angerührt;
dann Urlaubsreisen  -  angehäuft,
in Urlaubsfotos fast ersäuft;
Erinnerungen  -  halb vergessen;
und Träume  -  aufgefressen;
und Wünsche  -  wie zerstoben;
und Pläne  -  aufgeschoben …
Verstört, beim Säckchen ich verweile,
das wie von selbst sich öffnet: „Teile,
was dir hier reichlich zugedacht!“
Wie? Teilen, was mir überbracht?
Wohl kaum … mal seh’n …da ist ja doch
das kleinste dieser drei Pakete noch.
Ich mach’ es auf. Das sind ja Bilder!
Ein Stapel Fotos, unten Schilder,
auf denen auch die Namen steh’n
der Menschen, die darauf zu seh’n.
Die kenn’ ich doch! Sind mir vertraut.
Hab’ manche lang’ nicht angeschaut.
Ach, hinten steht ja noch was drauf,
Bemerkungen wie die zuhauf:
„Mich gibt’s noch!“ „Schreib’ mal!“ „Ruf’ mal an!“
„Du könntest dich mal melden, dann und wann …“


Spiel des Lebens - Ein alter Freund …

siehe auch YouTube

Für Christofer mit F

Wow! Es gibt nicht viele emotionale Momente im Leben so wie diesen hier … Sorry, wenn mich das jetzt erstmal ein bisschen umhaut … Was für eine schöne Ankündigung: „Ein alter Freund“! Ich nehme sie mal zum Anlass, damit ein wenig zu spielen und füge das ein in ein Thema, das mich seit langem immer wieder mal beschäftigt hat: „Des Lebens wechselvolles Spiel“. Wie oft bei mir: lyrisch, teils in Sonett-Form.

„Ein alter Freund …“ Ach ja … Ey, Alter, wo willst du denn eigentlich noch hin?! Alter? Ja, Alter! Wo willst du denn noch hin mit deinen 77 Jahren?! Wohin soll’s denn noch gehn mit dir? Jau … Alt werden? Ach nee! Nicht jetzt … später …

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

 

Im Spiel sind wir leicht und vergnügt.
Wie im Tanz geht’s nach vorn und zurück
und zur Seit’, auch am Platz mal ein Stück.
Und wir nehmen es so, wie sich’s fügt.
Im Genuss des Moments, ganz entspannt,
ist vergessen zuweilen der Zweck,
auch dass Regeln sind hier mit an Deck,
die zu Anfang als richtig erkannt.
Und mit Freude am Sinn dieses Spiels
sind wir dabei: vom Verlauf wie gebannt,
vor Überraschung gefeit, doch gespannt
und gewärtig des endgült’gen Ziels.

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

 

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Burg zu Burg einst, heut von Stadt zu Stadt
hin ziehend, weil’s an einem Ort nicht länger
ihn hält, zu sag’n, was er zu sagen hat.
Er sucht die Menge, die bereit zu hören
all das, was ihn im Innersten bewegt.
Er sagt’s mit Vers und Klang, um zu betören,
damit nicht Geist nur, auch das Herz erregt.
Er sucht die Bühne, wagt das Abenteuer.
Denn ob Applaus er kriegt, das weiß er nicht.
Er stellt sich dem, weil der Begeist’rung Feuer
ihn trägt und seiner Botschaft Zuversicht.
Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Ort zu Ort, es hält mich ja nicht länger …

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst mich gefangen es nimmt.

 

Da treffe ich dann dich, mein Freund, mir so verbunden
derweil in diesem Spiel, in dieser Slammer-Welt,
als wärst du ewig schon mir innig zugesellt,
als hätten wir uns nie gesucht, gleichwohl gefunden.
Auch du hast das, so glaub’ ich, wohl wie ich empfunden:
wie wir einander trauen, achten, unverstellt,
wenn wir uns dort begegnen, auf dem Slammer-Feld,
und jedes Mal uns Freundschaft wieder neu bekunden.
Die Eintracht teilt indes nicht ungleich das Gewicht.
Es geht hier keiner mit dem andern ins Gericht,
auf gleicher Augenhöhe geh’n wir mit uns um,
und achtsam, spielerisch, auf Ausgleich eingestimmt.
Jedoch dabei ein jeder sich die Freiheit nimmt,
zu sagen, was er denkt, weil sonst blieb’ Freundschaft stumm.

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

Wenn’s auch gelingt, dabei das Glück zu finden,
dann tut man gut, es gleich an sich zu binden.
Das Glück fällt uns nicht einfach in den Schoß.
Es aufzuspüren, ist nicht leicht, zu greifen,
zu halten, schwer, wie stark auch sei, wie groß
der Wunsch, es möge stetig in uns reifen.
Das Glück hat Flügel, doch ist immer da.
Wir müssen es hier drinnen finden, dann ist’s uns nah!

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

 

Ja, da herrscht dann so was wie Aufbruchstimmung:

Was tut sich nur so plötzlich in mir auf?
Hier drinnen fängt jetzt alles an zu klingen.
Die ganze Welt, so scheint’s, beginnt zu singen.
Wie ungewohnt ist, was da steigt herauf!
Mit ist, als warte es voll Lust darauf,
um sich beflügelt mit mir aufzuschwingen
und tief in neue Weiten vorzudringen,
weit weg von eingefahr’ner Dinge Lauf.
Vor Freude will die Brust mir fast zerspringen.
Mein Kopf, sonst immer Herr, sich eingesteht,
dass unrecht ist, Gefühle zu bezwingen.
Im Aufwind der Empfindung Kraft entsteht,
die sagt: „Dir wird in Zukunft nichts misslingen!“
Die ganze Angst, sie ist wie weggeweht …

Wie war das doch gleich?

Alt werden? … Ach nee! Nicht jetzt! Später …

Stufen einer Freundschaft

siehe auch YouTube

I
Verdämmernd weicht der Tag vom See zurück
und überlässt die Welt sich selbst. Die Stille
regiert bald ringsumher, hält Stück um Stück
besetzt. Besänftigt wird auch unser Wille.
Wir geben uns dem Abend hin. Im Gras,
am Hügel, wie versteckt, des Himmels Weite
als Schutz  -  so liegen wir, nur uns als Maß
der Dinge, dass es uns zu uns geleite.
Doch offen bleibt erst noch der Weg dorthin.
Kaum zeichnet er sich ab, ist nur zu ahnen
am Anfang, da gewägt mit wachem Sinn
ein jedes Wort in des Gespräches Bahnen.

Warum so oft wir nicht zu äußern wagen,
was uns bewegt? Gefühl wir uns versagen.

II
Wer bist du? Wer bin ich? Wo stehen wir?
Ein Tasten ist’s, ein Suchen, Spüren, Finden.
Der eine nimmt den andren ins Visier
und wartet … Schranken gilt’s zu überwinden …
Nur zögernd öffnet sich, was allzu lang
verschlossen blieb. Im wachsenden Vertrauen
indes vergeht die Scheu, verfliegt der Zwang,
selbst bei Erinnerungen wegzuschauen.
Was du erlebt, verfolg’ ich Schritt für Schritt.
Was ich erdacht, für dich ist’s kein Versehen.
Was du erfühlt, vollzieh’ erfüllt ich mit.
Was ich erhofft, kannst wortlos du verstehen.

Zu zweit im Miteinander seelennah,
wir ahnen langsam, was mit uns geschah …

III
Welch Glück! Entdeckung wird zum Freudenfest!
Ein Wunder ist’s, wie sich die Bilder gleichen!
Ist es die Kühle, die uns frösteln lässt?
Wie kommt’s, dass wir uns immer mehr erreichen?
Was anfangs schien getrennt, vereint der See
zuletzt im frischen Bad auf seine Weise:
Vertraut und nah, als sei’s wie eh und je,
geht’s draußen weiter nach der Innenreise.
Wir springen auf und stürmen Hand in Hand
ins Wasser, jungenhaft und ausgelassen,
wir tauchen unter, außer Rand und Band,
und suchen spritzend, balgend uns zu fassen …

So alte Freunde miteinander ringen.
Was wird das Spiel des Lebens ihnen bringen?

IV
Oh du, mein Freund, mir so vertraut, mir so verbunden
in meinem eignen Land, in meiner Innenwelt,
als wärst du ewig schon mir innig zugesellt,
als hätten wir uns nie gesucht, gleichwohl gefunden!
Auch du hast diese Einheit stets wie ich empfunden:
wie wir einander trauen, achten, unverstellt,
wie wir, verlässlich, immer da auf jedem Feld,
wie wir uns Treue unablässig neu bekunden!
Die Eintracht teilt indes nicht ungleich das Gewicht.
Es geht hier keiner mit dem andern ins Gericht,
auf gleicher Augenhöhe geh’n wir mit uns um.
Auch Gegensätze sind auf Ausgleich eingestimmt,
und einfühlsam ein jeder sich die Freiheit nimmt,
zu sagen, was er denkt, weil sonst blieb’ Freundschaft stumm.

V
Im Spiel sind leicht wir und vergnügt, wir sind entspannt,
genießen den Moment, der Zweck ist bald vergessen.
Mit Spaß am Sinn des Spiels dabei, ist anerkannt,
dass Ehrgeiz, zu gewinnen, nicht ganz angemessen.
Und Freunde? Lieben sie im Umgang nicht das Spiel?
Sind oftmals unernst wie die Jungen, ungezwungen,
so aufgedreht, dass sie des Guten tun zu viel,
weil von verschworener Gemeinschaft tief durchdrungen?
Doch nicht nur das! Sie sind des Umschwungs sich bewusst,
dass Spiel nimmt heiter mal, mal ernsthaft sie gefangen.
Dann geh’n sie Dinge an, mit Unternehmungslust,
die uns des Lebens Wechselfälle abverlangen.

Ja, wie des Spieles Energie gehört zum Leben,

so wird sie auch der echten Freundschaft mitgegeben!

Des Lebens wechselvolles Spiel

Ey, Alter, wo willst du denn eigentlich noch hin?! Alter? Ja, Alter! Willst du denn noch hin mit deinen 78 Jahren? Wohin soll’s denn noch gehen mit dir?

Jau … Alt werden? Ach nee! Nicht jetzt … später …

„Des Lebens wechselvolles Spiel“
 (Schiller: Das Lied von der Glocke, V. 413)

Fast ein Streitgespräch

Kontrahent I

„Wie ärgerlich! Wie dumm! Wie blöde!
Ich find’ dies Spiel so richtig öde!
Kaum drin, schon fliegt man wieder raus
und kriegt nicht einen Stein nach Haus!
Ich hör’ jetzt auf, hab’ keine Lust
mehr. Jeder Zug  -  ein einz’ger Frust!“

Kontrahent II

„Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst dich gefangen es nimmt.

Mensch, ärgere dich nicht! so heißt es.
Der Würfel doch regiert  -  du weißt es.
Du nimmst die Sache viel zu ernst.
Was Glück bedeutet, du hier lernst.
Ein bisschen Spaß ist auch dabei,
ganz ohne jede Tüftelei.

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst dich gefangen es nimmt.“

Kontrahent I

„Was heißt hier ‚Glück’? Bloß Zufall ist’s,
der Augen Anzahl, du vergisst’s!

Und überhaupt:

Spielball sind wir nur im Leben.
Hin und her geht’s, auf und ab,
rauf und runter. Ganz ergeben,
hält uns irgendwas auf Trab.
Ist’s ein Gott? Ist’s die Regierung?
Unglück? Schicksal? So, wie’s kommt,
kriegt der Mensch die Orientierung,
ganz egal, ob’s ihm auch frommt.
Immer muss er sich dann fügen;
unvermeidbar ist sein Los.“

Kontrahent II

„Ein Spielball? Nein! Das darf nicht sein! Mitnichten
wie steuerlos dem Meere ausgesetzt,
versteht’s der Mensch, sein Leben auszurichten
an Zielen, die verlangt vom Hier und Jetzt.
Ganz unbeirrt, in Freiheit selbst entscheidend,
gibt er Bewegung eine Richtung vor.
Konflikt und Streit, gar Kampf geschickt vermeidend,
so folgt er seinem Willen mit Humor.

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.“
                                  
Kontrahent I

„Alles immer selbst bestimmen?
Möglichst noch nach Lebensplan?
So was lässt mich doch ergrimmen!
So was halt’ ich für ’nen Wahn!
Immer kommt dir was dazwischen.
Unvermutet, ungeplant
kann es plötzlich dich erwischen.
Unbegreiflich, ungeahnt
zeigen sich dir Möglichkeiten.
Unvorstellbar, zwar erhofft,
manchmal Wünsche dich begleiten,
aber ‚Unverhofft kommt oft’!

Und was ist dann mit Krankheit, gar mit Tod?
Du tust grad so, dass willentlich entgehen
man könnte einem höheren Gebot.
Das glaub’ ich nicht! Da heißt es tiefer sehen!
Denn selbst wenn du dich hältst für’n Mann der Tat,
stehst früher oder später du vor Schranken,
die sagen: Halt! Jetzt hol’ dir letzten Rat
woanders, nicht bei eigenen Gedanken!

Der Tod
bedroht
das Spiel und stoppt
es, ja er foppt
uns Spieler, wie er will,
nicht laut, nicht schrill, nein still,
agiert mit heimlichem Gesetz
als Hauptfigur des Spielebretts,
beäugt mit List den Gang bei jedem Zug
und teilt uns plötzlich mit, wann es genug.“

Kontrahent II

„Schluss! Sag ich, du Kontrahent,
jetzt mit solch ‘nem Argument!
Denn bei solch ‘nem düstren Ziel
wird zum bitt’ren Ernst, was Spiel!

Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

Im Spiel sind wir leicht und vergnügt.
Wie im Tanz geht’s nach vorn und zurück
und zur Seit’, auch am Platz mal ein Stück.
Und wir nehmen es so, wie sich’s fügt.
Im Genuss des Moments, ganz entspannt,
ist vergessen zuweilen der Zweck,
auch dass Regeln sind hier mit an Deck,
die zu Anfang als richtig erkannt.
Und mit Freude am Sinn dieses Spiels
sind wir dabei: vom Verlauf wie gebannt,
vor Überraschung gefeit, doch gespannt
und gewärtig des endgült’gen Ziels.
                        *
Ja,! Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.“

Kontrahent I

„Was ist nun aber mit dem Glück? Im Steinchen-Spiel
der Zufall ist’s, der da regiert. Fragil
Ist solch ein Glück, wohl kaum das Ziel im Leben.
Gilt doch Glückseligkeit des Menschen Streben.
Woher es aber nehm’n, wenn Zufall nicht der Deal?
Wo suchen? Wo es finden in des Lebens Spiel?
Das Glück fällt uns nicht einfach in den Schoß.
Es aufzuspüren ist nicht leicht, zu greifen,
zu halten schwer, wie stark auch sei, wie groß
sein Wunsch, es möge stetig in uns reifen.
Das Glück hat Flügel, doch ist immer da.
In unsrem Innern müssen wir es finden, dann ist’s nah!
Hier drinnen steckt’s, nicht draußen in der Welt
des Reichtums, der so leicht zusammenfällt.“

Kontrahent II

„Ja, du hast recht. Doch wie es dort im Innern finden,
das Glück, und wie es schwarz auf weiß dann an sich binden?
Ich geb‘ ein Beispiel dir, ist wie’n Rezept, das mir geholfen hat.
Was du dazu nur brauchst, das ist ein Stift, ein Blatt.

Du fühlst dich schlecht? Dir geht es gar nicht gut?
Am liebsten bliebst du heut’ zu Haus’ im Bett,
weil keiner nett, kriegst immer ab dein Fett?
Hast alles satt? Und dich verlässt der Mut?

Beruh’ge dich! Sei nicht so absolut!
Halt‘ ein! Wie wär’s, du schriebest mal’n Sonett?
Doch wie? Ganz leicht! Erklär’ ich dir komplett.
Du merkst bestimmt sofort, wie gut das tut:

Hör’ zu! Du sammelst dich. Du schreibst es nieder,
was dich bewegt, ganz so wie’s in dir spricht.
Dann musst du, wie ‘ne Kuh, es käuen wider,
bis du ‘nen Plan hast, Worte von Gewicht.
Du komprimierst den Brei wie’n Reimeschmieder ...
und bist kuriert ... und fertig ist’s Gedicht!

Tja, so ist’s. Du siehst:
Ein Spiel ist das Leben, vom Wechsel bestimmt,
mit heiterem Ernst uns gefangen es nimmt.

Und meine Rolle in diesem Spiel?

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Burg zu Burg einst, heut von Stadt zu Stadt
hin ziehend, weil’s an einem Ort nicht länger
ihn hält, zu sag’n, was er zu sagen hat.
Er sucht die Menge, die bereit zu hören
all das, was ihn im Innersten bewegt.
Er sagt’s mit Vers und Klang, um zu betören,
damit nicht Geist nur, auch das Herz erregt.
Er sucht die Bühne, wagt das Abenteuer.
Denn ob Applaus er kriegt, das weiß er nicht.
Er stellt sich dem, weil der Begeist’rung Feuer
ihn trägt und seiner Botschaft Zuversicht.
Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Ort zu Ort, es hält mich ja nicht länger …

Wie war das doch gleich? Alt werden? …Ach nee! Nicht jetzt! Später …


Ein Mensch in heut’ger Zeit …

Ich widme diesen Text Karsten Schrimpf

Was mich heut‘ am Bahnhof wohl erwartet?
Bange Frage. Ob mein Zug noch geht?
Slam ja in Hannover, ob der startet?
Ob der Bahnverkehr komplett schon steht?
Hat das Sturmtief wieder alles lahmgelegt?
Komm‘ ich irgendwie heut‘ doch noch weg?
Friederike ist grad über’s Land gefegt,
und Zerstörung war ihr einz’ger Zweck.

Bäume, aus dem Wurzelwerk gerissen,
alte, die ganz unbesiegbar schienen,
vom Orkan ganz plötzlich umgeschmissen,
liegen quer auf Straßen und auf Schienen.
Äste, berstend abgeknickt aus Kronen,
rumgewirbelt, weit verstreut mit Macht,
Häuser, Autos, Züge nicht verschonen.
Wie in einer Schlacht es braust, es kracht.
Unwohl ist mir, wenn ich dies bedenke,
was das neue Sturmtief angerichtet.
Ob ich mir den Weg zum Bahnhof schenke?  
Nein, gewagt ist besser als verzichtet!

Was nun finde ich am Bahnhof vor:
Dicht gedrängt die Menschen in der Halle.
Jeder blickt zur Tafel bang empor,
welcher Zug noch fährt. Storniert schon alle?
Meiner wohl noch nicht, so sieht es aus.
Rauf! Ich drängele mich durch die Menge,
komme oben an – ein Narrenhaus,
dieser Warteraum, dieselbe Enge,
wieder dieses Stimmen-Durcheinander:
„Der nach Emden? Auf Gleis sechs?“ „Der steht
seit ‘ner halben Stunde!“ „Nacheinander,
bitte! Man versteht ja nicht, was geht!“
„Man versteht auch nicht, was durchgesagt!“
„Wie? DeBe hat jeden Zug gestrichen?“
„Die Privaten fahr’n noch, sagt wer, hab‘ gefragt.
Bin auf die zur Not schon ausgewichen.“
Dann wär‘ meiner nach Hannover noch dabei,
sag ich mir und gucke auf die Tafel,
ganz entnervt von dieser Quasselei,
diesem aufgeregten Angst-Geschwafel.
Was steht da? Mein Zug, der ist noch drauf,
mit Verspätung, klar, erst zehn Minuten …
nochmal zehn und weit’re zehn … Ich nehm’s in Kauf …
‚Die sind ja noch dran‘, denk ich, ‚ist zu vermuten …‘
Warten … warten … Wie schön wär’s, jetzt zu starten!
Wollte meinen Zug doch nicht verpassen,
deshalb kam so früh ich her … nun Warten …
Was ist mit dem Slam heut‘ Abend? Soll ich’s lassen?
Soll ich’s posten, dass es nicht sollt‘ sein,
weil durch Sturm und Chaos ich gestrandet?
Was nun tun? Ich fühle mich allein
mitten drin in dieser Menge, wie versandet …
Ständig werden neue Zeiten eingespeist.

Die Gefühle gehen hin und her …
Bangen, Hoffen … bis es schließlich heißt:
Die privaten Bahnen fahren auch nicht mehr!
‚Tja, dann mach‘ ich mich wohl auf den Weg,
fahr‘ zurück nach Haus …‘. Ich will schon gehen …
Plötzlich da, die Tür zum Warteraum geht auf,
jemand steckt den Kopf rein, alle sehen
zu ihm hin, dem Mann, und warten drauf,
was er sagt: „Wer will nach Hannover? Vier
Leute können mit in meinem Wagen.“
„Ich!“ ruf ich, ganz nah bei ihm, „ich hier!“
 frage noch – ich trau‘s mich kaum zu sagen –
„Wieviel soll das kosten?“ Antwort: „Nichts!
Und wer sonst?“ Drei weit’re melden sich.
S‘ist nicht wahr?! Die Rettung angesichts
dieser auswegslosen Lage! Ich
kann es noch nicht fassen! Kommt ein Mann,
nimmt vier unbekannte Leute mit,
einfach so, denkt nicht an sich, denkt dran,
dass man helfen könnte, denkt nicht an Profit!
„Bin am Bahnhof grad vorbei gefahren“,
sagt er, „dachte: ‚Da sind Reisende gestrandet,
nimmst halt welche mit.‘ Bei den Scharen
vorn im Bahnhof wär ich nie gelandet.
Deshalb lief ich gleich zum Bahnsteig 5, wo waren
die, die nach Hannover fahren wollen.
War privat in Braunschweig, will zurück.
Da die Züge alle nicht mehr rollen,
spiel‘ vom Universum ich jetzt mal ein Stück.“
Wir nun können unser Glück kaum fassen,
ich, ne Frau, ein Pärchen, wo schon klar,
dass wir unseren Termin verpassen
würden … nicht zu glauben, einfach wunderbar!
Unser Retter geht voran, wir hinterher.
„Drüben steht mein Auto, da, gleich dort,
nah beim Bahnhof.“ S’geht zurück nun durch das Heer
all der Menschen, die verharr’n an diesem Ort,
ohne Aussicht, dass das könnte enden,
dass auch sie so unverhofft käm’n fort,
dass das Blatt sich könnte nochmal wenden.

Hin zum Auto geht’s mir wieder durch den Sinn,
wie selbstlos, ohne Vorbehalte und Bedenken
jemand hier doch ist, bedenkt Gewinn
nicht noch Verlust, tut einfach was verschenken …
Was für ein Mensch in dieser heut’gen Zeit!

Wär‘ auch ich zu so etwas einmal bereit?

Was mach ich bloß mit meiner Zeit?!

Ich weiß ja nicht, wie’s euch dabei so geht …
Mit meiner Zeit hab einfach ich kein Glück:
Ein Zeit-Problem ich habe, wie’s so steht,
ganz gleich, blick ich nach vorn, blick ich zurück.
Wie hab ich nur die ganze Zeit verbracht?
Hab ich‘s mit meinem Tempo übertrieben?
Ich hab’ doch manches Mal auch Halt gemacht!
Allein, wo ist die Zeit denn nur geblieben?
Mir kommt’s so vor  -  es ist erst ein Verdacht  -,
dass ich den Blick auf mein Tun mir verstelle,
dass sich sein Tempo scheint’s verhundertfacht,
nur weil um mich herum regiert die Schnelle.
Holt mich der temposücht’ge Zeitgeist ein
und zieht in seine Unrast mich hinein?

Immer nur eilen,
nie mal verweilen.
Immer nur hasten,
nie mal rasten.
Immer nur laufen,
nie mal verschnaufen.
Immer nur jagen,
nie mal verzagen.
Immer nur flitzen,
nie mal sitzen.
Immer nur abheben,
nie mal aufleben.
Immer nur springen,
nie mal Ruhe erzwingen.
Immer sich regen,
nie mal sich hinlegen.
Immer nur rennen,
nie mal verpennen.
Immer nur rasen,
nie mal Zeit verquasen …

Termine, Termine, Termine!
Was tu’ ich mir eigentlich an?
Ja, diese Termin-Guillotine,
die köpft den Genuss irgendwann!
Am Montag: mit Kumpels beim Bier,
am Dienstag: Tai-Chi im Verein,
am Mittwoch: ach, da bin ich ja hier!
am Donnerstag: mit Eva allein,
am Freitag: Tanzgruppe wieder,
am Samstag: das Altstadtfest,
am Sonntag: zur Stärkung der Glieder
die Jogging-Truppe gibt mir den Rest.
Terminkalender-ergeben,
am Ende der Woche plemplem,
da frag’ ich: Im Augenblick leben?
Ist das nun das „Carpe diem“?

Und schneller und schneller vergeht nun die Zeit.
Sie eilt nur so hin, und sie lässt’s sich nicht merken,
ganz heimlich, geräuschlos und nicht mehr bereit,
das Tempo zu drosseln, gewillt, zu verstärken
die Hast ohne Rast, dass auch ich bin erfasst
vom Strudel der Dinge, auf dass alles gelinge
ohne Müh’, ohne Last, auf dass nichts sei verpasst,
dass ich alles erzwinge wie der Herr der Ringe …

Ey, stopp mal! Was sagt‘ ich? „… auf dass nichts sei verpasst …?“
Ist es das, was mich immer aufs Neue treibt an?
Dies Verpassen? Die Angst, dass, bevor was begann,
ich verfalle in Panik, in Hektik, in Hast
im gewaltsamen Ringen, dass ja ich dabei.
‚Ach, da könnte mir tatsächlich doch was entgehen,
worauf andre bekanntlich immer schon stehen‘.
Und die Kosten? Mir wurst doch, egal, einerlei!
Und mein Smartphone? Mal ehrlich: die Kosten? Egal
mit ‘ner Flatrate. Die Zeit aber, die ich verbringe
beim Checken und Posten? Viel Zeit ich verschlinge,
um nichts zu verpassen. Ist das optimal?
Ich hole doch ständig mein Smartphone jetzt raus,
muss es ständig bewachen, ist gar nichts zu machen,
da gilt es doch ständig ganz wichtige Sachen
mitzubekommen, ob unterwegs, ob zu Haus …

Halt, halt! Halt, Halt!
Da läuft was schief!
Ist durchgeknallt,
die Zeit, effektiv!
Bin das noch ich
um mich herum?
Geht’s noch um mich?
Bin schon ganz dumm,
was da geht ab
bei diesem Ritt,
hält mich auf Trapp,
dass ich mach mit,
ob ich’s nun will,
ob ich’s will nicht.
Ich halt nicht still,
als wär’s ‘ne Pflicht
jetzt mit zu agieren
mit zu regieren
mit zu marschieren
mit zu hantieren
zu kollaborieren
zu kooperieren
zu organisieren
zu arrangieren
zu praktizieren
zu operieren
zu manövrieren
zu aktivieren

anvisieren
projektieren
reflektieren
ventilieren
spekulieren
konzipieren
sublimieren
präzisieren
insistieren
präparieren
propagieren
engagieren
exerzieren
studieren
probieren
trainieren
riskieren

taktieren
taxieren
florieren
brillieren
imponieren
dominieren
motivieren
garantieren
absolvieren
postulieren
oktroyieren
strapazieren
kontrollieren
profitieren
reüssieren
tolerieren
akzeptieren
konsumieren
funktionieren
sich verlieren …


Ich stocke. Zeit, wo rennst du hin? Wohin?
Verlieren tu ich mich in dem Gerenne!
Ich weiß schon nicht mehr, wer ich bin.
‘s wird Zeit, dass ich von dir mich trenne.
Renn‘ doch weiter! Renn an mir vorbei!
Ich lass‘ ganz einfach dich passieren.
Ich bleibe hier, bei mir, ich bleib‘ dabei:

Ich will im Augenblick mich jetzt verlieren …

Endeckungsreise

Hey, Alter, wo willst du eigentlich noch hin? … Alter? … ach ja Alter! Wohin soll’s denn nun noch gehn mit dir? Von hier nach da, von da nach dort, von dort zurück? Nun bleib doch ganz einfach mal stehn!

Nicht immer nur eilen:
mal einfach verweilen!
Nicht immer nur streben:
mal im Augenblick leben!
Nicht immer sich sorgen:
sich mal Gelassenheit borgen!
Nicht immer nur fassen:
auch mal was verpassen!
Nicht immer nur lenken:
sich mal einfach verschenken!
Nicht immer nur greinen:
mal freundlich erscheinen!
Nicht immer nur sinnen:
ganz einfach mal spinnen!
Nicht immer nur warten:
ganz einfach mal starten!

Was solln diese Sprüche?! „Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“ Was soll das?! … Gelassenheit borgen … auch mal was verpassen … mich verschenken (an wen denn überhaupt?!) … nicht jammern … freundlich sein … und ich soll ganz einfach mal spinnen, verrückt sein!! Auch das noch!!

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Soll das womöglich so aussehen?

Ich will jetzt endlich einmal raus!
Zu Haus? Entschiednes ‚Nein!’ Zu Haus,
da will ich doch nicht sitzen bleiben!
Nur so daheim die Zeit vertreiben!? …
Ich will wie alle Rentner reisen,
ja, reisen, reisen, die Welt umkreisen:
Von hier nach da, von da nach dort,
von dort zurück … zu neuem Ort
in einem fort … ein Reisesport,
belebt vom Internetexport …
Wo ist das richt’ge Internet-Portal? …
‚Ab-in-den-Urlaub - Deine Wahl!’
‚Lastminute’, ‚Kurz-mal-weg’, ‚Spezial’,
ob ‚All-inclusive’, ob ‚Pauschal’,
ob fliegend ‚Linie’, ‚Billig’, ‚Charter’,
ob früh gebucht, ob spät als Starter -
oh je! Bevor ich weiß ‚Wohin?’,
weiß ich schon nicht mehr, wo ich bin
bei all den vielen Urlaubssorten,
bei all den vielen Urlaubsorten!
Mal Koh Samui, Curaçao,
Tobago, San Andrés, Panglao,
mal Alta, Turku, Sossusvlei,
Tanjung Benoa, Whangarei …
Oh je, oh je …
Noch eh ich irgendwo gelandet,
bin Urlaub-planend ich gestandet …
Warum auch stets im Außen kreisen?
Warum nicht mal im Innern reisen?
Wozu nur bloß? Ich nehm’ mich mit
doch sowieso bei jedem Ritt
in weite Fern’ … wo ich zu gern
daheim mal ließ’ den Ego-Kern…

Nein, nein! Das nicht mehr. Ich will nicht mehr groß in der Welt umher reisen. Die Wolkenkratzer sehen überall in der Welt sowieso alle gleich aus.

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Wie denn aber dann? Wenn nicht dieses In-der-Welt-umher-Reisen, was dann? Was für ’ne Reise?

Mir fällt da ein Gedicht ein, das ich mal für einen Freund geschrieben habe, als es dem ziemlich dreckig ging. Vielleicht also so?

Wie gerne würd’ ich dich dorthin entführen,
in mein Land, das so weit, so tief, so offen,
wo Grenzen aufhör’n, Grenzen zu berühren,
wo du Unendlichkeit dir kannst erhoffen.

Dort löst sich, was dich will beschweren
an Ärger, Zorn, an Schmerz und Widrigkeiten,
die weltverhaftet klammernd dich verzehren
woll’n und dran hindern, dich zu dir zu leiten.

Dort wärst du wieder mit dir selbst verbunden.
Vergessen wär’, was dich dir selbst entfernt,
vergessen wär’, was dich so arg geschunden
und neu gefund’n, was mit der Zeit verlernt.

Du zögerst noch, die Reise mitzumachen?
Wie kann ich Lust dazu in dir entfachen?

Was also für ’ne Reise? Wozu nun auch mir selbst Lust machen?

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Nicht Dinge machen, die man eh schon immer gemacht hat! Nein! Weiter! Nicht zurück. Nach vorn. Nicht alt. Nein, neu. Was ändern. Was Neues. Was Neues entdecken. Neugier. Was Neues erleben. Mit-Machen, Mit-Gestalten, Spaß dran haben. Warum stehe ich z.B. hier auf der Bühne beim Poetry Slam als Oldie? Verrückter geht’s ja wohl nicht! Als Poet nun schon länger unterwegs, habe ich meine Lyrik in allen möglichen Lesezirkeln vorgetragen. Langweilig auf Dauer. Passierte nichts mehr. Immer nur Kopfnicken, Zustimmung, Beifall. Und hier? Mutprobe. Spannung. Abenteuer. Hier kann ich wenigstens mal als Letztplatzierter aus dem Wettbewerb rausgehen …

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Was noch? Ja, natürlich: Begegnung. Begegnung mit Menschen, die im Aufbruch sind, bei denen noch alles neu ist, die offen sind. Mit Leuten, die nach vorn gucken, die Pläne haben, die sich für was begeistern können. Mit Leuten, die sich ausprobieren, die’n Risiko eingehen, bereit sind, mal was falsch zu machen. Möchte ich auch, mal wieder: was falsch machen …

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Vielleicht also so:

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Burg zu Burg einst, heut von Stadt zu Stadt
hin ziehend, weil’s an einem Ort nicht länger
ihn hält, zu sag’n, was er zu sagen hat.

Er sucht die Menge, die bereit zu hören
all das, was ihn im Innersten bewegt.
Er sagt’s mit Vers und Klang, um zu betören,
damit nicht Geist nur, auch das Herz erregt.

Er sucht die Bühne, wagt das Abenteuer.
Denn ob Applaus er kriegt, das weiß er nicht.
Er stellt sich dem, weil der Begeist’rung Feuer
ihn trägt und seiner Botschaft Zuversicht.

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Ort zu Ort, es hält mich ja nicht länger …


Ich bin o.k.

(YouTube: Braunschweig , Stadthagen)

Hi, ich bin der Eberhard, schon ein bisschen in die Jahre gekommen … Und mit mir dieses T-Shirt (Aufdruck „Ich liebe mich“), das ich anhabe … Es hat mir wirklich schon mal besser gepasst … muss in der Wäsche eingelaufen sein …

Ich hab Euch einen Text mitgebracht, den ich jetzt vortragen möchte. Sein Titel: „Ich bin o.k.“ … Ach ja, und damit der Vortrag hin haut, brauche ich Eure Mithilfe. Und zwar … Wir üben das jetzt mal. Immer wenn ich beim Vortrag diese Geste mache (erhobener rechter Arm mit o.k.-Fingerzeichen, dreimal im Takt von „Ey! Ich bin o.k.!“), müsst Ihr mir zurufen. „Ey! Ich bin o.k.!“ Also: „Ey! Ich bin o.k.!“ … Na ja, klingt noch nicht überzeugend! Noch mal „Ey! Ich bin o.k.!“ … Schon besser … Ein drittes Mal, mit noch mehr Überzeugungskraft … so ganz von Innen heraus muss das kommen: „Ey! Ich bin o.k.!“ Super! Mit so ’ner Unterstützung kriege ich das nun wohl hin …

Ey, du da! Ey!
Ich bin o.k.!
Ah! Ich fühl’ mich gut!
Wie gut das tut!
Ich bin top drauf,
bin oben auf,
hab’ Selbstvertraun,
hab’ gute Laun’,
bin fröhlich, lustig,
wenn andre frustig.
Ich find’ mich gut!
Echt! Absolut!

Ich twittere gleich allen:
            „Ey! Ich bin o.k.!“
Cool, allen tut’s gefallen!
Und wie sie’s schnallen!
„Gefällt mir!“ kommt zurück.
Man teilt mit mir mein Glück.
Auf Facebook tu ich’s posten.
Obwohl bei den Bemoosten,
hör’ ich’s von allen Seiten:
„Krass, Alter! Mach’ so weiter!“

Ja, mich kann nichts erschüttern,
wo andre ihre Sorgen füttern.
Bin ein Gewinn,
so wie ich bin,
nicht nur für mich,
nein! auch für dich.
Hab’ immer Fun,
das macht dich an.
Das ist doch klar!
Sag selbst! Nicht wahr?
            „Ey! Ich bin o.k.!“
So ist es richtig!

Das ist doch wichtig:
es kehrt zurück
so Stück für Stück:
Ich krieg’ Applaus
als lust’ges Haus,
wenn ich gut drauf
und oben auf.
Das macht was aus …

Ich mach’ was draus:
Ich zieh’ dich raus,
wenn du bist runter,
dann wirst du munter,
tauchst wieder auf,
du baust dich auf,
bist selbst gut drauf
und sagst mir:
            „Ey! Ich bin o.k.!“
Ja! Das klingt gut!

Das macht dir Mut ---
und mir … denn wenn ich jetzt mal ehrlich bin,
bin auch für mich ich manchmal kein Gewinn,
bin hin und wieder selbst mal völlig down,
bin ohne Selbstvertraun,
das Gleichgewicht verliere,
total mich demontiere:
Ich fühl mich schlecht,
gelähmt, geschwächt,
bin nicht ganz echt,
bin wie zerzecht,
total verblecht,
mir ist nichts recht,
die Welt verpecht.
Als ob’s was brächt’,
dass ich mich ächt’!
Wär’ klug, ich dächt’,
dass das sich rächt’ …

Schon morgens mir so was passiert:
ich wache auf … bin perforiert …
am liebsten blieb ich heut’ im Bett,
verwünsch’ die ganze Welt komplett,
voll Überdruss ich darauf wett’,
dass wieder keiner zu mir nett,
dass sowieso krieg’ ab mein Fett,
als hätt’ ich vor dem Kopf ein Brett,
da hilft mir auch kein Internet,
ach, wenn mich dann doch einer rett’,
die Kummerfalten plätt’ und glätt’,
ach, wenn ich dann doch einen hätt’,
der Vorbild mir und rief’:
            „Ey! Ich bin o.k.!“
Genau! Perfekt! Ja, das klingt gut!
Das macht mir Mut ... Absolut!

Ich steh’ gleich auf, nicht zimperlich
und sag’ mir laut: „Ich liebe mich!“
zieh’ einfach so ein T-Shirt über …
die schlechte Stimmung ist vorüber …
Was auf mir draufsteht, ist auch drin:
Ich fühl’ mich jetzt als Hauptgewinn.

So ist’s: wenn ich mich selbst nicht mag,
bin auch für andre ich kein Freudentag.
Wenn die den Miesepeter sehn,
sie gleich auf Abstand zu ihm gehn.
Wenn einer ohne Energie, nicht strahlt,
den Strom der andre dann bezahlt.
Denn wer sich selbst nichts wert und sich nicht liebt,
auch andern keine Liebe gibt …

Nun gut! Du weißt es jetzt! Sag’s dir noch mal:
            „Ey! Ich bin o.k.!“


Spruchweisheit

siehe auch YouTube

Ein Sünder, neujahrs fest entschlossen
zu bessern, was im Vorjahr ihn verdrossen,
weil’s ihm das Sprichwort oft gesagt
und sein Gewissen arg geplagt,
dass der direkte Weg zur Hölle
gepflastert sei, ja überquölle
von lauter echtem, gutem Vorsatz,
der dann trotz mahnend-moll-Ton-Chorsatz
besorgter Engel komm’ abhanden,
ach, werde regelrecht zuschanden  -
besagter Sünder nun erneut
dran denkt, was er so tief bereut,
und malt sich wie im Traume aus,
wie’s in der Hölle ist, o Graus:
wie’s kneift und piekt, wie’s zwickt und zwackt,
wie ihn ein mächt’ger Drache packt,
ihn feuerspeiend tut behauchen,
weil er nicht aufgehört zu rauchen,
wie ihn ein Teufel malträtiert,
mit Nadeln piekst und drangsaliert,
weil er bloß sitzt, sich nicht bewegt,
den Trimm-dich-Plan hat weggelegt.
„Wo ist bloß dein Elan geblieben,
hast wieder keinen Sport getrieben?“
ein andrer Dämon faucht und sticht
beherzt ins hintere Gesicht.
Da kommt gleich noch ein Folterknecht
und will  -  er selbst total bezecht  -
kopfüber ihn in’s Bierfass tunken,
da er zu oft zu viel getrunken.
Und allseits brodelt’s, zischt’s und sprüht’s
und kocht’s und brüht’s und brennt’s und glüht’s.
Der Sünder leidet Höllenqualen.
„Wofür muss ich denn noch bezahlen?“
„Du hast gelobt, mal zuzuhören
und Monologen abzuschwören! -
Du wolltest Selbstbewusstsein üben
und weniger dein Ich betrüben,
anstatt auf andere zu achten
und deren Ego anzuschmachten. -
Du hast versprochen aufzugeben
das Urteil über Andrer Leben. -
Mit nichts bist du vorangekommen!
Sei im Inferno uns willkommen!“ -
So geifern sie, die Teufelchen,
und füllen ihre Schäufelchen
mit lauter glühend heißen Kohlen,
um zu verkohlen ihm die Sohlen,
um johlend Beine ihm zu machen
und seinen Eifer anzufachen.
Von allen Seiten fies bedrängt,
zuerst versengt, dann halb ertränkt,
versenkt, beengt, gezwängt, gelängt,
bald aufgehängt und fast erhenkt,
bald ferngelenkt herum geschwenkt,
die Glieder schließlich ausgerenkt  -
ein Alptraum für den Vorsatz-Sünder!
Im Höllensturz die Höllenmünder
ihn tausendfach daran gemahnen,
was er geschrieben sich auf seine Fahnen,
doch leider ward nicht eingelöst
und nun liegt schonungslos entblößt. ---
Er stockt, fährt auf, total verwirrt ...
Wohin hat sich sein Geist verirrt?
Er stöhnt zwar noch: „So haltet ein!“
denkt aber gleich: „Das kann nicht sein!
Bin ich verrückt? Das ist nicht wahr!
Zum Teufel mit der Teufelschar!
Das sind phantastische Chimären
aus hirngespinst’gen finst’ren Sphären!
In welcher Hölle bin ich hier?
Wer hat denn wen hier im Visier?
Wer ist’s, der mahnt, dass dies ich tu
und jenes lass’, der Seelenruh
zulieb’ und für ein gut’s Gewissen,
das sei ein sanftes Ruhekissen?
Wer droht mit Hölle, Tod und Teufeln,
will mir den Geist mit Gift beträufeln?
‚Ich sollte … müsste … dürfte nicht …’
wer eigentlich so zu mir spricht
und obendrein es dazu bringt,
dass Vorsatz bald mit Vorsatz ringt,
weil’s davon viel zu viele sind,
dass alle schlag’ ich in den Wind?
Reicht nicht am Ende gar nur einer,
vielleicht ein überschaubar kleiner?
Zur Hölle also jetzt mit ihnen,
den vielen „guten“, die ich soll bedienen!
Dort unten mögen sie dann braten
für ihre nicht getanen Taten!
Ich jedenfalls, ich bleibe hier,
bei mir, im eigenen Revier,
bin gut zu mir und ganz gelassen
und halt’ nichts fest, was nicht zu fassen.
Ja, diesen Vorsatz lös ich ein …
als einzigen … und den allein!“

 

Der Frühling unterwegs

Weiter lesen …

(YouTube: Werningerode)


Zwei Shakespeare-Jahre: 2014 Williams Shakespeares 450. Geburtsjahr, 2016 sein 400. Todesjahr. Ich bin auf Shakespeares Spuren gewandelt und habe wie er einen Zyklus von 154 Sonetten geschrieben: Stationen – Sonette um Freundschaft und Liebe (vergl. „Stationen …“). Dort wie hier geht es um eine Beziehungs-Story. Gewiss, es gibt unzählige Nachdichtungen allein in deutscher Sprache von Shakespeares großartigem Werk. Warum hat sich bisher noch niemand getraut, sich von Shakespeare inspirieren zu lassen und etwas Eigenes daraus zu machen? Nun denn, mein Stationen-Zyklus unternimmt dieses Wagnis. Im Folgenden ein Ausschnitt aus dieser Beziehungs-Story, etwas aus der Beziehung zweier Freunde – natürlich nicht aus der Sicht des 17. Jahrhunderts, sondern nach-empfunden im 21. Jahrhundert:


Stationen einer Freundschaft

1.1

Wir sitzen beieinander, uns vergisst die Zeit.
Wir tauchen ein in Räume, die aus uns bestehen.
Wir fühlen uns hinein, als könnten wir sie sehen.
Wir spüren kaum noch, dass als Körper wir zu zweit.

Du sprichst von dir, ich nehm’ es auf, als wär’s von mir.
Ich rede dann von mir, du machst es dir zu eigen.
Du hörst mir zu; ich möchte nichts mehr dir verschweigen.
Ich lausch’ gespannt bei dem, was du gibst preis von dir.

Ein ständ’ger Wechsel ist’s, ein Geben und ein Nehmen,
ein Dialog, den wirklich nichts, wie’s scheint, kann lähmen.
Und weil der Wein noch fließt, sind wir erst recht befreit.

Wir könnten wohl bis morgens früh so weiter machen,
die ganze Nacht so offen, frei, gelöst durchwachen.
Momente, ach, ihr dauert leider viel zu kurze Zeit …

1.2

Oh du, mein Freund, mir so vertraut, mir so verbunden
in meinem eignen Land, in meiner Innenwelt,
als wärst du ewig schon mir innig zugesellt,
als hätten wir uns nie gesucht, gleichwohl gefunden!

Auch du hast diese Einheit stets wie ich empfunden:
wie wir einander trauen, achten, unverstellt,
wie wir, verlässlich, immer da auf jedem Feld,
wie wir uns Treue unablässig neu bekunden!

Die Eintracht teilt indes nicht ungleich das Gewicht.
Es geht hier keiner mit dem andern ins Gericht,
auf gleicher Augenhöhe geh’n wir mit uns um.

Auch Gegensätze sind auf Ausgleich eingestimmt,
und einfühlsam ein jeder sich die Freiheit nimmt,
zu sagen, was er denkt, weil sonst blieb’ Freundschaft stumm.

1.3

Da ist sie, unverkennbar, diese „Dunkle Frau“,
die schwarze Schönheit: dunkles Haar und dunkle Augen,
so schwarz wie Höll’ und Nacht, so schön und doch so rau,
dass beides kann zu Hass wie auch zu Liebe taugen.

Die dunklen Gaben braucht sie ohne jede Scheu:
sie wuchert mit dem Blick, ihr Leib, der will verführen,
sie bleibt selbst dann noch ihrem wahren Wesen treu,
wenn unbedacht sie herrisch Härte gibt zu spüren.

Wie heißt nur diese Macht, die ihr die Kraft verleiht,
damit erst den, dann jenen Mann zu überzeugen?
Und wie kann’s sein, dass der Geliebte dann bereit,
sich selbstauslöschend-hörig ihr auch noch zu beugen?

Da ist sie nun, die ohne Schonung in dich dringt,
und, was harmonisch war, jetzt durcheinander bringt.

1.4

Ja, merkst du nicht, wie sie Besitz von dir ergreift?
Wie sie seit langem schon sich hat darauf versteift,
dich abzuschleppen? Überall dich abzupassen?
Willst du vielleicht gar in Besitz dich nehmen lassen?

Bist du ein Eigentum, das Wem gehören kann?
So ohne weitres kommt man, scheint’s, an dich heran.
Was sagt das Ich dazu? Und was der eigne Wille?
Wenn Jemand über Wen verfügt, hält der dann stille?

Der Mensch ist unverwechselbar in seinem Wesen
durch das, was er sein Eigen nennt, und eigenständig.
Nur dann, wenn er nicht eingeengt, bleibt er lebendig.

Wer durch Beherrschung will am anderen genesen,
entfremdet die Natur ihm, die ihm angeboren.
Wer Menschen will besitzen, hat sie schon verloren.

1.5

Wie seh’ ich dabei aus? Wie gehst du mit mir um?
Seit Stunden, Tagen, Wochen warte ich nun drauf,
dass du dich bei mir meldest, ja, ich gäb’ was drum,
dass wir uns träfen und das Warten hörte auf!

Ein Anruf? Ja!? … Ach so, da ist noch dies und das
zu regeln, was ist anvisiert und terminiert,
was aktiviert, organisiert, taxiert … Verlass
ja ist, dass alles transportiert und absolviert …

Ein Anruf noch mal. Ja? … Ach so, ich merk’ es schon:
Wenn von der einen du dich endlich hast getrennt,
dann ist im Zwischenspiele Freundschaftsdienst mein Lohn,
und wieder, wenn die andre dich verlassen vehement …

So ist es halt: Wenn’s abgehakt, wird abgetaucht …
Denn auch den Notarzt ruft man nur, wenn er gebraucht.


Stufen der Begegnung

(YouTube: Bremen)

→ Link zu Bücher „Stationen …“ In diesem Text geht’s (mal wieder) um das Thema zwischen Männern und Frauen: um die Liebe – aber keine Angst: keine Beziehungskiste wie so oft in der Comedy-Szene. Was ich dazu sage, vor allem: wie ich es sage, hat, wie zumeist bei mir, einen lyrischen Touch. Ich mag halt den Sprachklang, den Rhythmus, die Verse und obendrein auch noch die alten Gedichtformen. So auch jetzt. Ein Wagnis? Ich weiß … Das Ganze nun in zwei Durchgängen. Im ersten Durchlauf ein bisschen wie im Durchlauferhitzer, wie beim One-Night-Stand? Schau‘n wir mal …

I

Ja, wieder und wieder man steckt sich zusammen
und, weil wir ja Adam und Eva entstammen,
wir gar oft zueinander in Liebe entflammen.
Doch da spielt das Leben uns so richtig mit!
Ach, wie lang’ dauert’s, bis für die Liebe wir fit!
Und warum? Sie verfolgt uns auf Schritt … und Tritt …
Erst ein Suchen und Buchen,
dann ein Lauern und Mauern,
ein Tasten, kein Rasten,
ein Besehen, Verstehen,
ein Finden, Empfinden,
ein Spüren, Berühren,
ein Schüren, Verführen,
ein Beben und Schweben,
ein Beglücken, Entzücken …
dann ein Verhallen, Zerfallen,
ein Besinnen, Verrinnen,
kein Tasten noch Rasten,
ein Schwanken und Zanken,
ein Entbinden, Verschwinden …
Bilanzieren …Verlieren …
Erkennen … Sich-Trennen …
die Liebe verfluchen und … abermals Suchen …
Und nun fängt das Spielchen von vorne an!
Ob frustriert, ob ernüchtert, erneut bist du dran!
Zu ernst ist die Sache! Nimmt hart … dich ran!

So, das war Liebe im Durchlauferhitzer. Nun im zweiten Durchgang alles ein bisschen langsamer, bedächtiger, tiefer, wie gesagt, in Stufen, der Reihe nach:

II.1

Und plötzlich tut ein ganzer Raum sich auf,
ein Seelenraum, so tief, so weit, so offen …
Gespräch entsteht. Und Wärme strömt herauf.
Was wohl wir beide uns davon erhoffen?

Ein Suchen wird’s, ein Tasten, Spüren, Finden.
Wer du wohl bist? Und sag ich, was ich bin?
Ich wag’s. Die Offenheit, sie wird verbinden.
Wir nähern uns, wir geben uns dem hin.

Ein Austausch ist’s. Ein Strom geht hin und her.
Nicht lange dauert’s, bis wir uns erreichen.
Was um uns ist, es existiert nicht mehr.
Wir sind nur wir: Wie sich die Bilder gleichen!

So wird am End‘ Begegnung noch zum Fest,
das uns so bald nicht voneinander lässt …

II.2

Die Augen blitzen auf, kaum dass ich dich geseh’n
und du mich hast gewahrt, berühren sich mit Blicken,
die wir uns, voneinander angezogen, schicken.
Ein Funke zündet, lässt ein Lächeln hell ersteh’n.

Wir stürzen auf uns zu, Sekunden nur vergeh’n.
Man meint, dass eine Macht wohl müsse uns bestricken,
wenn sie, wie hier, getrennte Wesen sich verquicken,
umfangen, sich umarmen lässt beim Wiederseh’n …

Zwei Körper fließen ineinander. Welch ein Glück!
Ich spüre Kraft und Energie. Es will mir scheinen,
dass beides ströme stärker mir von dir zurück.

Ich fühl’s, du nimmst mich an, du wirst mich nicht verneinen. -
Die Welt scheint still zu steh’n in diesem Augenblick,
um sich in einem einz’gen Punkte zu vereinen …

II.3

Bin ich’s? Bin ich noch ich? Bin ich vielleicht schon du?
Mein Kopf, mein Herz geh’n immer wieder dir entgegen,
dabei, sich weg von mir und dir zu zu bewegen.
Das nimmt nun mehr und mehr mir meine inn’re Ruh’.

Ich weiß kaum noch, was sonst tagaus, tagein ich tu’,
weil alles, was du tust, wird mein Gemüt erregen,
weil alles‚ was mit mir geschieht, ist dir erlegen,
weil alles, was ich war und bin, auf dich strebt zu.

Ich wechs’le jetzt die Seiten, will es nicht verschweigen:
seit Anbeginn gehst du mir nicht mehr aus dem Sinn,
seit Anbeginn schon will ich mich mit dir verzweigen.

Du bist mein neues Ich, so zieht’s mich zu dir hin.
Ja, ich veräuß’re mich, ich geb’ mich dir zu Eigen,
ich bin nicht mehr bei mir, bei dir nur noch ich bin …

II.4

Ich bin wie Wasser, das im Sturze fällt.
Noch schwach, als Rinnsal grad’ dem Fels entsprungen,
hat’s dies im Sinn bloß, dass, vom Mut geschwellt,
von inn’rer Hast und Unruh’ tief durchdrungen,
es sich trotz Hindernis hinab bewegt.
Es will im stet’gen Wachsen Sturzbach werden,
es will, von Stuf’ zu Stufe mehr erregt,
sich unterwegs an keiner Stelle erden.
Es will im ständ’gen Fallen nichts verpassen,
es will, dass sich sein Stürzen niemals endigt,
und denkt nicht dran, dass ruhig und gelassen
der Strom es drunten stoppt, es aufnimmt, bändigt …

So falle ich. Und du? Du löst in deinem Schoß
voll Liebe, was verstrickt bislang so Liebe-los.

II.5

Ich möcht’ in Liebe mich zum Himmel schwingen,
ich möcht’ bis an die letzten Grenzen dringen,
ich möcht’ Dich suchen, um das DU zu finden,
ich möcht’ voll Sehnsucht mich mit ihm verbinden.

Ich möcht’ die Wolken sinnenfroh umschlingen,
ich möcht’ vernehmen, wie die Sphären klingen,
ich möcht’ tief in mir drin das DU empfinden,
ich möcht’ es spür’n, bis mir die Sinne schwinden.

Ich möcht’ mit Dir hoch in den Lüften swingen,
ich möcht’ mit Dir mich ganz dem All verdingen,
ich möcht’ mit Dir in höchster Lust erblinden,
ich möcht’ mit Dir die Erdenschwere überwinden.

Ich möcht’, dass Wir uns aneinander schmiegen
und eng umschlungen fliegen, fliegen, fliegen …

II.6

Der Liebe Höhenflug benimmt den Atem mir.
Er lässt mich alles, was ich selbst sonst bin, vergessen,
was war, was ist, was wird. So ganz bin ich bei dir.
Und Zeit steht still, weil Liebe sie will nicht mehr messen.

In uns ist Raum, für uns, der einzig existiert,
dass wir im andern wie im Zauberbuche lesen,
- und ohne dass ein jeder sich dabei verliert -
bis er sich anverwandelt hat des ander‘n Wesen.

In uns ist Licht, das sich verströmt und übergießt
die Welt rings um uns her mit leuchtend hellen Strahlen,
ein sprudelnd-reicher Farbenquell, der überfließt,
voll Energie, das Firmament bunt zu bemalen.

Was wirklich ist, real, das sieht erfüllte Liebe nicht:
Da bist nur Du, bin Ich, sind Wir im Raum, im Licht …


Ein Suchender

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Burg zu Burg einst, heut von Stadt zu Stadt
hin ziehend, weil’s an einem Ort nicht länger
ihn hält, zu sag’n, was er zu sagen hat.

Er sucht die Menge, die bereit zu hören
all das, was ihn im Innersten bewegt.
Er sagt’s mit Vers und Klang, um zu betören,
damit nicht Geist nur, auch das Herz erregt.

Er sucht die Bühne, wagt das Abenteuer.
Denn ob Applaus er kriegt, das weiß er nicht.
Er stellt sich dem, weil der Begeist’rung Feuer
ihn trägt und seiner Botschaft Zuversicht.

Poet ich möchte sein, ein fahr’nder Sänger,
von Ort zu Ort, es hält mich ja nicht länger …

Ja, so ist das beim Poetry Slam: man reist rum und bringt seine kleinen Botschaften unter die Leute. Auch ich möchte von dem, was ich bei meiner Suche gefunden habe, ein bisschen was mitteilen. Ich war und bin bei dieser Suche nach mir selbst nicht allein. Ich lasse mich leiten und begleiten von meinem großen Vorbild Jacques Brel, dem leider 1978 viel zu früh verstorbenen großen französischen Chansonsänger. Eine Leitfigur. Meinen Leittext, ein Chansontext von Brel, La Quête (Die Suche) überschrieben, habe ich nachempfunden, nachgedichtet. Die schönen Gedanken in diesem Text sind nicht ganz von mir, aber als Nachdichtung sind es meine eigenen Worte – sozusagen ein halbes Zitat:

„Den Traum, der schier unmöglich scheint, will ich erträumen.
Den Schmerz des Aufbruchs will in meiner Brust ich tragen.
Im Fieber zu verglühen, will ich mutig wagen,
das Land, das unbekannt, zu suchen, niemals säumen.

Durch Liebe will bis zum Zerreißen ich mich zäumen,
bei unvollkomm’ner Liebe nicht an mir verzagen.
Versuchen will ich, kraft- und schutzlos mich zu plagen,
dem fernen Stern zu folgen, stets mich aufzubäumen.

Mir ist egal, ob Aussicht auf Erfolg besteht.
Mir ist egal, wie viel an Zeit dabei vergeht.
Mit ist egal, wenn in Verzweiflung meine Kräfte weichen.

Ich weiß nicht, ob ihr mich dereinst als Helden seht,
mein Ziel jedoch, es zieht mich an wie ein Magnet:
das Glück, den Stern, der unerreichbar scheint, erreichen.“

Ein schönes Bild, dieser ferne Stern, der unerreichbar scheint, nach dem man aber immer wieder Ausschau hält, der einen leitet! Eine Paradoxie, etwas Unerreichbares erreichen wollen! Aber so ist es doch mit der Suche, auch mit der Suche nach sich selbst: Wenn ich’s gefunden habe, dann ist’s vorbei. Dann hab ich’s in der Hand, bin tot …

„Ey Alter, sag! Du hast noch Träume?!“ Ja, hab ich: Wer bin ich? Wer werd’ ich sein? Wo will ich noch hin? Da gibt’s noch viel zu entdecken. Da ist noch ‘ne Menge Neugier. Ist natürlich ein bisschen unbequem. Zu Hause bleiben, ist einfacher. Aufbrechen, gewohnte Bahnen verlassen, schmeckt nicht immer. Warum nicht vorm Fernseher hocken bleiben? Die Angst-Nachrichten um 20 Uhr? Nein. Talk-Shows? Auch nicht. Es gibt Wichtigeres …

… zum Beispiel unbekanntes Land suchen, wie bei Brel … ein schöner Traum. Zum unbekannten Land gehört auch mein Ich. In mich hinab steigen und mich suchen. Da gibt’s noch viel zu entdecken. Und da sind dann noch viele Menschen, die ich nicht kenne. Mal sehn, wie die ticken. Manchmal ticken sie anders als ich, ist aber spannend. Kann ich mir noch was abgucken. Um mich herum ist das leider zu selten der Fall: „Früher war alles besser! Ach ja, damals!“ Nein. Ich lebe hier und heute. Ich möchte was Neues sehen, hören, erleben …

Ist aber nicht immer so einfach ist, wie’s jetzt klingt! Bin mir nämlich manchmal meiner selbst gar nicht so sicher. Das steht ja auch schon bei Brel: sich kraft- und schutzlos plagen, manchmal ohne Aussicht auf Erfolg, auch schon mal verzweifelt sein. In solchen Fällen mache ich mir dann selbst wieder Mut - paradoxer Weise mit einem eigenen Text, der übrigens zu meinen liebsten gehört und auch schon - wie ich - ein bisschen älter ist:

Aufbruchstimmung

Was tut sich nur so plötzlich in mir auf?
Hier drinnen fängt jetzt alles an zu klingen.
Die ganze Welt, so scheint’s, beginnt zu singen.
Wie ungewohnt ist, was da steigt herauf!

Mir ist, als warte es voll Lust darauf,
um sich beflügelt mit mir aufzuschwingen
und tief in neue Weiten vorzudringen,
weit weg von eingefahr’ner Dinge Lauf.

Vor Freude will die Brust mir fast zerspringen.
Mein Kopf, sonst immer Herr, sich eingesteht,
dass unrecht ist, Gefühle zu bezwingen.

Im Aufwind der Empfindung Kraft entsteht,
die sagt: „Dir wird in Zukunft nichts misslingen!“
Die ganze Angst, sie ist wie weggeweht …


Der Wellenreiter

Da kommt sie, fern noch, aber lang erwartet,
sie rollt heran in ungebremstem Lauf,
sie baut sich unaufhaltsam vor ihm auf,
sie bricht … und schau! er ist schon längst gestartet.

Würd’ ich, wie er, mich da hinein begeben,
in diese übermächt’ge Wasserwand,
die wild sich aufbäumt, wütend schäumt am Rand,
gleich stürzt und drunten Massen bringt zum Beben?

Ja, reite die Welle, wenn du sie erfasst,
und lebe den Traum, den schon lange du hast!

Er fasst sie, er erwischt die richt’ge Stelle,
er beugt sich vor, die Arme ausgestreckt,
er beugt die Knie und, weiter vorgereckt,
hinunter geht’s rasant den Hang der Welle.

Das ist kein Gleiten mehr, das ist ein Fliegen!
Wie wendig, kraftvoll, stets im Gleichgewicht
auf seinem Brett er mit der Woge ficht!
Mir kommt’s so vor wie Sich-im-Wasser-wiegen!

Ja, reite die Welle, wenn du sie erfasst,
und lebe den Traum, den schon lange du hast!

Doch nein, geschickt gedreht, geht’s nicht hinunter
ins Tal, noch nicht. Er reagiert blitzschnell,
er gibt nicht auf, ist’s doch wie ein Duell.
So leicht kriegt ihn der Wellenberg nicht unter.

Ich spür’s: entschlossen ist er, durchzuhalten,
bis, was begonnen, auch zu End’ gebracht
so, wie er’s anfangs mit sich ausgemacht,
so wie er seine Kräfte wollt’ entfalten.

Ja, reite die Welle, wenn du sie erfasst,
und lebe den Traum, den schon lange du hast!

Und sieh nur! Weiter lässt er sich jetzt tragen
vom Wasser, hoch und höher, steil bergauf
bis auf den Kamm  -  ganz kurz verharrt er drauf,
um sich sogleich erneut hinab zu wagen.

Ein Wagnis? Nicht für ihn! All die Gefahren,
die um ihn sind, er weiß um ihr Gewicht.
Mit Angst, Verlust geht er nicht ins Gericht,
weil er sich seine Wünsche will bewahren.

Ja, reite die Welle, wenn du sie erfasst,
und lebe den Traum, den schon lange du hast!

’ne weiße Spur zeigt, wo er lang geglitten,
als hinter ihm der Hang zusammenkracht
in Schaum, in Gischt, mit Brodeln und mit Macht.
Die Welle stöhnt, die er grad abgeritten.

Was treibt ihn an? Die Lust am Abenteuer?
Ein blinder Rausch, der nicht weiß, was er tut?
Wo nimmt er ihn bloß her, den festen Mut?
Begeist’rung ist’s. Sie brennt in ihm, ein Feuer …

Ja, reite die Welle, wenn du sie erfasst,
und lebe den Traum, den schon lange du hast!


Der Frust

Man hat sich was vorgenommen – und fällt auf den Bauch. Man hat sich irre angestrengt – und kriegt ‘ne kalte Dusche. Man rechnet mit Erfolg – und dann ist’s ein Schlag ins Wasser. Man ist von was begeistert – und kriegt ‘nen Dämpfer. Man hat felsenfest mit ‘nem positiven Ergebnis gerechnet – und dann war’s ein Schlag ins Kontor. Man hat sich riesig auf was gefreut – und erlebt ‘ne Pleite. ‘ne lange geplante Verabredung ist endlich unter Dach und Fach, man ist vor Ort … man wartet … und wartet … wird versetzt - und steht wie ein begossener Pudel da. Immer dasselbe: Enttäuschung, Ernüchterung, Entmutigung, Frust … Krass … Unsere Sprache ist voll von Redewendungen, die das beschreiben: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Bei mir klingt das so:

Es sitzt noch tief in mir, kaum seiner selbst bewusst.
Es nimmt Konturen an, umfängt mich, strebt hinauf.
Es fasst mich plötzlich fester, steigt im Innern auf.
Es weitet mich und sprengt mit Macht mir fast die Brust.
Es bricht sich Bahn, gezielt, mit ungeheurer Lust.
Es führt mich aus mir selbst hinaus im Siegeslauf.
Es fühlt der Welten Weite, lacht im Glück hellauf.
Es will verströmen, endlos, denkt nicht an Verlust.
Es hält die ganze Welt im Sinnenrausch umfangen.
Es bringt sie swingend glockengleich zum Klingen.
Es breitet seine Flügel aus, beginnt zu singen.
Es schwingt sich auf mit mir, wird gleich ans Ziel gelangen -

doch was ist das?! Die Wand ... da ist sie wieder ... just ...
ich stürze ab ... allein mit mir ... wie leer ... im Frust ...

Ja, total am Boden zerstört, sauer, frustriert, gefrustet … Was nun? Was passiert mit mir? Und wie komme ich da wieder raus?

Ein Kampf ist’s. Wild in viel zu enger Brust er tobt.
Gefühle widerstreitend durcheinander rasen.
Vernunft versagt. Abrupt scheint sie wie weggeblasen.
Wo steckt sie nur, als Rettungsanker sonst erprobt?!

Hab’ ich sie nicht als Helfer oft und viel gelobt,
so dass sie nun auch mir mal beisteh’n könnt’ in Phasen,
wo ich zur Unzeit soll mit Emotionen aasen?
Es kommt mir bald so vor, ich sei gefühlsgedopt!

Nein, nein, mitnichten rechtens ist, was hier geschieht!
Die Dinge sind nicht mehr im Lot! Was kann ich machen?
Verschaffe dir Distanz! Beschreib’ das Kampfgebiet!
Wer streitet hier mit wem? Notier’s! Wozu entfachen
Gefühle diesen Brand im eignen Haus? Mach’s explizit!
Am Ende wirst du ob des Aufruhrs vielleicht lachen ...

Na ja, am Ende drüber lachen … ist manchmal leichter gesagt als getan. Notieren, Aufschreiben, sich die Dinge von der Seele schreiben. Funktioniert das? Gibt’s dafür ’ne Lösung? Was macht ein Poet in solchen Fällen? Er schreibt ein Rezept:

Du fühlst dich schlecht? Dir geht es gar nicht gut?
Am liebsten bliebst du heut’ zu Haus’ im Bett,
weil keiner nett, kriegst immer ab dein Fett?
Hast alles satt? Und dich verlässt der Mut?

Beruh’ge dich! Sei nicht so absolut!
Halt’ ein! Wie wär’s, du schriebest mal’n Sonett?
Doch wie? Ganz leicht! Erklär’ ich dir komplett.
Du merkst bestimmt sofort, wie gut das tut:

Hör’ zu! Du sammelst dich. Du schreibst es nieder,
was dich bewegt, ganz so wie’s in dir spricht.
Dann musst du, wie ‘ne Kuh, es käuen wider,
bis du ‘nen Plan hast, Worte von Gewicht.
Du komprimierst den Brei wie’n Reimeschmieder ...
und bist kuriert ... und fertig ist’s Gedicht!


„Sisyphusarbeit“, „Sisyphusaufgabe“ – wir kennen dieses geflügelte Wort. Man hat sich so’ne Mühe gegeben. Ein irre schwerer Job. Und der nimmt kein Ende. Man muss immer wieder von vorne anfangen. Man kommt nicht voran. Scheißjob! Soll das noch ewig so weiter gehen? Kein Ziel, kein Erfolg …

Dieser Typ, dieser Sisyphus war ’ne Figur aus der griechischen Sagenwelt. Schon mal von ihm gehört? Der hat die Götter immer und immer wieder ausgetrickst, bis denen das so gründlich auf den Sack ging, dass sie ihn zur Strafe dazu verdammt haben, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzuwälzen, der dann aber, fast bis zum Gipfel raufgeschleppt, jedes Mal wieder ins Tal runter rollt – und das für immer und ewig. Was für ‘ne Strafe!

Ja, manchmal kommt’s einem auch wie ‘ne „Sisyphusarbeit“ vor, was man da machen muss. Ne sinnlose, irre schwere Aufgabe, ohne dass da ein Ende abzusehen ist … Oder kommt das nur mir so vor? – Na ja, mich hat dieses Thema beschäftigt. Ich hab mir ‘nen Text dazu ausgedacht. Eine Ballade, weil ich so gerne Balladen schreibe. Der Titel:


Sisyphos 21

Und wieder und wieder wird es geschehen!
Was immer geschieht, wird sich wieder begeben!
Und wieder und wieder wird es so gehen!
Was immer so geht, werd’ ich wieder erleben!
Und Jahre um Jahre dasselbe ich tue,
und weder bei Tag noch bei Nacht dabei ruhe,
zu wuchten, zu rücken, zu stoßen, zu schieben,
von drängenden Mächten nach oben getrieben.

Ach, ihr Mächte, welche Last
ward mir da doch auferlegt!
Ohne Ende, ohne Rast,
schlepp’ den Fels ich unentwegt
Stück für Stück den Hang hinauf,
steil und steiler geht’s bergauf,
und - ich weiß - trotz Hadern und Grollen
wird stets er von oben hinunter rollen ...

Überdrüssig dieser Last,
wälz’ ich sie von hier nach da,
immer schon darauf gefasst,
dass ich, kaum dem Ziele nah,
wieder fang’ von vorne an,
wieder mache mich daran,
anzupacken, anzuschieben,
blind gesteuert, angstgetrieben.

Unterwegs erneut bergan.
Schwer wird dieses Einerlei,
das so endet, wie’s begann;
beugt mich tief wie Tyrannei.
Wo blieb nur der einst’ge Mut?
Wo blieb nur die einst’ge Wut?

Nichts mehr denken, nichts mehr wollen!
Nur den Stein nach oben rollen!
Und wieder und wieder wird es geschehen!
Was immer geschieht, wird sich wieder begeben!
Und wieder und wieder wird es so gehen!
Was immer so geht, werd’ ich wieder erleben!
Nur weiter und weiter trotz Schmerzen sich plagen!
Nur weiter und weiter die Bürde ertragen,
um wieder den Stein vor sich her zu treiben,
um niemals und nimmer mal stehen zu bleiben!

Sinnlos ist mein Weg hinauf,
sinnlos ist mein Weg hinunter!
Sinnlos ist mein Tageslauf,
wie der Sonne Rauf und Runter!
Sinnlos ist mein Tun und Denken,
des Gefühlstumults Verrenken,
wie das Auf und Ab im Streben!
Sinnlos scheint mein ganzes Leben!

Auf halber Höhe bin ich jetzt
und blick auf steilem Pfad nach oben.
Und da, der Gipfel, wie zuletzt,
doch wolkenleer, im Licht, erhoben
im Himmel, ganz für sich und frei!
Und leichter wird die Schlepperei,
und leichter lässt sich der Fels bewegen,
und kraftvoller stemme ich mich nun dagegen ...

Was ist mit mir? Was mit dem Stein?
Er liegt mir nicht mehr auf der Seele!
Die Leichtigkeit! Wie kann das sein?
Ob ich die Last mir selbst befehle?
Nur wen’ge Meter noch bis oben!
So mühelos zum Kamm geschoben
hab’ diesen Brocken ich noch nie!
So anders ist’s als sonst! Doch wie?

Da bin ich nun, ich hab’s erreicht!
Oh, welch ein Blick! Ich schau’ und schaue ...
Wie weit dies Land! Ob’s dem Elysion gleicht?
Ob ich mich ihm wohl anvertraue?
Ob ich dann angekommen bin? -
Doch halt! Wo ist der Stein? Wohin?
Ich müsste noch Tribut ihm zollen …
Er rollt zurück ... ich lass’ ihn rollen …

Und was nicht zu fassen
und was nicht zu wenden,
entgleitet gelassen
den offenen Händen …


Debalzewe – Endlos? Ausweglos?

Was sich da im Osten vor den Toren der EU abspielt … in der Ukraine … Krieg vor der Haustür ... bis vor Kurzem unvorstellbar … Der Kessel von Debalzewe ... Was geht da wohl ab im Kopf eines ukrainischen Soldaten? … Sich verteidigen, mitkämpfen müssen und schließlich von den Separatisten eingekesselt sein …

Es dringt hervor, es drängt nach vorn, es dräut und droht.
Als dunkles Etwas schiebt sich’s weiter wie ein Dach
am Firmament entlang, mit einem Aufgebot
an Wolken, einzeln sichtbar noch, doch tausendfach
schon fest in sich verkeilt als Masse, heerschargleich
die Feste über mir erstürmend und dann bald
in immer schwärz’ren Formationen umfangreich
sich ineinander wälzend, ohne Halt, mit Urgewalt …

Da ist sie, diese ferne, unsichtbare Macht,
die vorbedacht den Tag zur finst’ren Nacht jetzt macht,
die droben so was wie ’ne Wolkenschlacht entfacht …

Und nun, was lang verdrängt in mir hat zugebracht, erwacht …
Es drückt wie’n Himmelschaos meine Seele nieder
und lähmt, so unheilschwer, mir alle meine Glieder …

Was braut sich da zusammen wie Naturgewalt?

Werd’ ich, was auf mich zukommt, heile überstehn?
Wem setze ich mich aus? Was wird mit mir geschehn?

Der Wind wird stärker. Fern ein Grollen. Es wird kalt.
Und schon der erste Donner drüben widerhallt.

Die Ungewissheit zehrt an mir. Wird sie vergehn?
Ob wir der Übermacht hier doch noch widerstehn?

Das Wolkenheer sich über mir zusammenballt.
Es zuckt ein Blitz. Es wird taghell. Es kracht. Es knallt.

Ach, Sorgen kommen hoch, sie wolln nicht mehr verwehn!
Wird sich mein Schicksalsrad noch mal nach oben drehn?

Der Himmel reißt … Granatgeschoss … es niederprallt!

Die Schreckgestalt ergreift Besitz von mir … An wen
mich wenden? Wer gibt Halt? Und wo um Beistand flehn?
Und eng und enger wird’s. Der Raum, der in mir ist,
er kollabiert, er fällt dahin, es gibt ihn fast nicht mehr.
Und was dort drin noch lebt, erbebt im Hin und Her,
weiß nicht mehr ein noch aus, es sich verliert, vergisst …
Wo bin ich? Bin ich noch bei mir? Mit mir im Zwist?
Sind alle Wege denn versperrt in diesem Meer
von Angst erfüllter Stimmen, wo geht alles kreuz und quer?
Ihr Himmelsgeister, helft! Ob ihr den Ausweg wisst …?

05.03.2015


Tannhäuser oder …

 „Tannhäuser oder: Der Slammerkrieg auf der Wartburg“
- Slam-Oper, geslammt vom Slam-Opa in 7 Minuten und 3 Akten -

Die Slammer, die zur Wartburg kamen,
ihr kennt sie alle noch mit Namen?
Und all die anderen Personen,
die sich beim Slammerkrieg nicht schonen?
Nun gut, zu allererst da ist
mal Tannhäuser, Avangardist
der Slammer-Truppe, Heinrich meist genannt,
dann Wolfram, Walther, sehr bekannt,
weil sie auch sonst sehr viel gesungen
und ihre Slams nicht ganz verklungen.
Die andren Slammer, heut vergessen,
lass ich beiseit’ infolgedessen.
Da ist der Landgraf noch, der Master
des Slams, zu hindern ein Desaster.
Die Wartburg-Gäst’ die Jury sind,
neutral zunächst, bald bösgesinnt.
Fast hätt’ ich übersehn die Frauen,
das Thema, wo sich später alle hauen:
Da ist Elisabeth, die feine,
die makellose Frau, die reine,
die edle, mit viel Gottvertrauen,
zu der empor sie alle schauen,
und Venus … vor der sich alle grauen,
so schlimm, dass man ihr muss misstrauen,
bloß dran zu denken, ist verpönt,
igitt, man hätt’ der Lust gefrönt!
So viel euch zur Erinnerung,
bevor nun alles kommt in Schwung.

Akt I

Im Venusberg, wo Heinrich weilt
und Venus, die sich die Lust geteilt,
bis er davon ist so geheilt,
von seinem Sehnen, seinen Trieben,
dass ihm nun nichts an Lust geblieben.
„Ich muss hier raus! Ach, lass mich los!
Ich muss jetzt weg von deinem Schoß!
Wir müssen das hier endlich stoppen.
Ich hab genug vom vielen P…..!“
Doch sie ist gar nicht einverstanden,
dass sie bei ihm nicht mehr kann landen.
Da hilft kein Locken, Tändeln, Schmusen,
er kann sie echt nicht mehr verknusen.
Da setzt ihn Venus an die Luft.
Ein Fluch – und weg die Felsengruft …
Und draußen schon die Slammer warten,
die ihn gesucht, die seiner harrten,
verwundert, wo er denn geblieben,
wo er sich wieder rumgetrieben.
Doch Heinrich hält natürlich dicht,
denn was er tat, gehört sich nicht.
„Komm mit! Elisabeth doch wartet
auf dich. Kein Slam ist mehr gestartet,
seit du dich heimlich hast verdrückt,
wo sie nach dir doch ganz verrückt.“

Akt II

Elisabeth begrüßt die Halle,
in der sie später slammen alle.
Nicht lange harrt sie hier alleine,
die gute, hohe Frau, die reine.
Da kommt auch schon der Heinrich,
fällt auf die Knie. Das ist ihr peinlich.
Und trotzdem meckert sie jetzt rum,
dass er sie hätt’ verkauft für dumm,
so lange sie allein zu lassen,
nicht besser auf sie aufzupassen …
Nun kommen schon die Wartburg-Gäste,
die Jury ja bei diesem Feste,
die Slamily, komplett vertreten,
der Master, der sie hergebeten.
Man setzt sich, lauscht und ist gespannt,
was nun als Thema wird benannt …
Besungen sei im Slam die Liebe,
auf dass sie grüne Triebe triebe.
Der Wolfram ist als erster dran
und zeigt erneut, was er so kann:
„Die Liebe ist ein Wunderbronnen,
man schöpft daraus die höchsten Wonnen,.
Aus meinen Worten könnt ihr’s lesen,
wie ich erkenn’ ihr reinstes Wesen.“
„Ach was!“ ruft Heinrich, „bei solchen Worten
Verlangen, Sehnen bald verdorrten!“
„Hast keine Ahnung“, Walther schreit,
„bist für die Tugend nicht bereit!“
Und Heinrich: „Im Genuss erkenn ich Liebe,
wo blieb ich sonst mit meinem Triebe?
Ich kenn’ mich aus, ich ganz allein.
Zieht in den Berg der Venus ein!
Die zeigt’s euch, die wird euch erquicken,
die zeigt, was Liebe ist beim F…..!“
Tumult, Entsetzen allerorten
bei solchen unverhüllten Worten.
Die Mädels rennen aus dem Saal.
Elisabeth erstarrt in Qual.
Die Slammer stürzen sich auf Heinrich,
auch sie sind kleinlich, finden’s peinlich.
Und der Master bei diesem Desaster?
Pickiert nicht nur, nein, zornig rast er:
„Hinweg mit dir aus unsrer Runde!
Mit einem Teufelsweib im Bunde!
Hinweg nach Rom zu Papstes Füßen!
Dort musst du dein Verbrechen büßen!“ ---
Nach Rom jetzt? Ach du meine Fresse!
Ob grade Rom die richtige Adresse?


Akt III

Wohl nicht. Hätt’ man sich denken können.
Solch’ Liebe tut Rom keinem gönnen.
Dass Heinrich dort auf Knien sich kasteit,
verflucht, sein Tun vermaledeit,
bringt nichts! Dem Papst ist das ein Dorn
im Auge, und er brüllt im Zorn:
„Solang bis dieser wieder steht,
der Schaft in meiner Faust, in Saft
und Kraft, in neuer Blüt’ gestrafft,
so lang, Verruchter, sei verflucht,
von allen Teufeln heimgesucht.“
Er sagt’s, er dreht sich um, ist weg,
und Heinrich bleibt zurück in seinem Pech.
Hat er was anderes erwartet?
Dass Rom moral-erneu’t mal startet?
Nun gut. Er klagt, er flucht, er pfeift
auf dieses Heil. Mal ausgeschweift
gelebt, ist’s ihm jetzt wurscht! „Zurück
zu dir, o Venus, in mein altes Glück“!
Jetzt ist was los, ich sag es euch!
Die Venus bietet auf das ganze Zeug
aus ihrem Hügel, all den Budenzauber,
mit dem sie ihn zurück will, ihren Tauber-
ich, und Elisabeth? zwar tot,
im Sarg, als letztes Aufgebot
der heilig-reinen Liebe gegen Triebe,
im Leichenzug  -  sie hält dagegen,
hofft noch zum Guten Heinrich zu bewegen …
Ach, Heinrich, was bei solcher Liebe bliebe
dir andres übrig denn als hinzusinken,
auch du, nun tot, dir Venus abzuschminken?
Und Wolfram, Heinrichs alter Slammer-Kumpel?
Dazwischen, mittendrin in dem Gewumpel …
Doch hört! Man hat jetzt umgedacht
in Rom – wär’ doch gelacht!
Passier’n noch Wunder: Des Papstes Schaft
hat ausgeschlagen, Saft und Kraft
zurück, was für ein Glück … für ihn … für Heinrich
jedoch zu spät nun augenscheinlich …
Was lehrt uns dies? Moral von der Geschicht’:
Man tut’s und hält ansonsten dicht!


Bei Facebook & Co

Ist das normal? Das artet aus!
Echt krass ist das! Was wird da draus?
Hol’ ständig jetzt mein Handy raus,
ob draußen, drinnen, ob zu Haus,
ob unterwegs im Auto, Bus,
im Zug, gar auf dem Rad – ein Muss …
so sieht das aus … nichts mehr zu machen …
muss es nun dauernd überwachen:

Wo bin ich gelandet? Bin noch ich bei mir?
Bei Facebook und Co. bin ich, bin jetzt hier …

Hat jemand mir ’ne Mail geschickt?
Hat was gepostet? Hat’s getickt?
Hab ich, was mir gefällt, geteilt
und nicht was Wichtiges verpeilt?
Hab ich mich richtig dargestellt,
so dass es andern auch gefällt?
Hat jemand was von mir geliked?
Ob die Community heut’ schweigt?
War da ’ne Message bei FB?
What’s App? ohje…, ojemine! …

Wo bin ich gelandet? Bin ich denn noch hier?
Bei Facebook und Co. bin ich, in seinem Revier …

Da sind doch so viel wicht’ge Sachen:
Mal sehn, was meine Freunde machen,
mal sehn, wo sie gerade sind,
mal sehn, wie sie wohl heut’ gesinnt,
mal sehn, was sie so int’ressiert,
mal sehn, wer heut’ sich präsentiert,
sich exponiert und inszeniert,
sich illustriert und zelebriert,
mal sehn, wer heute renommiert,
posiert, brilliert und dominiert,
wer heut’ markiert, sich nominiert,
mal sehn, was sonst noch so passiert,
mal sehn, was hier wird grad verlinkt:
- ach so, ein Song … wie der wohl klingt? -
mal sehn, was auf dem Video drauf,
mal sehn, ob’s bei YouTube geht auf …
touch hier mal hin, touch da mal hin,
mal sehn, wo ich gelandet bin …

Bei Facebook und Co. bin ich, nicht mehr bei mir.
Da bin ich gelandet, ist jetzt mein Quartier …

Magisch angezogen,
int’ressiert,
fasziniert,
angesogen …

Abgehoben,
erst entschwebt,
bald festgeklebt
und verwoben …

Hingegeben,
motiviert,
passioniert,
ein neues Leben …

Untertauchen,
unverzagt
vorgewagt
sich verbrauchen …

Am End’ versunken,
ganz berauscht,
ausgetauscht,
fast ertrunken …

Tja, so geht das bei Facebook und Co., so ist das hier!
Einmal gelandet - gestrandet! Oder nur … Passagier? …

Was machst du grad’? FB mich fragt;
mein Status ist jetzt angesagt,
mit einem Foto gut bestückt,
verrückt, wenn’s geht, damit’s auch glückt,
dass jeder’s merkt und guckt gleich hin
und sieht sofort, dass ich es bin.
Bin ich in dieser Facebook-Welt
doch nicht allein, bin zugesellt
viel hundert Freunden, bin umgeben
von netten Leuten, die im Leben
mir mal begegnet sind, bin jetzt
in dieser bunten Welt vernetzt …
Und das verpflichtet: wissen will
man nun, was ich grad mache, still
zu halten, nichts zu posten, geht
nun nicht, denn keiner das versteht.
Muss also mich bemerkbar machen,
von mir berichten tausend Sachen:
Wo ich grad bin, mit wem, allein,
zu zwein, vielleicht auch im Verein
mit andern bei ’ner super Fête,
dass ich, wie ich jetzt grade, trete
beim Slam in XXX auf und bete,
heut’ nicht bloß letzter nur zu sein
in diesem Slammer-Ringelrein.
Ja, morgen wolln’s doch alle wissen,
ich muss es posten dienstbeflissen.
Vergessen darf ich nicht zu sagen,
was ich getrunken, hab’ im Magen,
ob noch gepennt in dieser Nacht,
wie ich sie sonst hab zugebracht …
Na ja, und wenn’s dann schief gegangen,
wenn andre Slammer mich bezwangen,
wenn’s gar für mich gab kaum Applaus,
wenn früh beim Slammen ich flog raus …

dann hab doch bei Facebook und Co. ich bei mir
ja immer noch fünfhundert Freunde, die mich liken und trösten … und zwar hier …
(Smartphone hochhalten)


Als unser Ältester vor ein paar Monaten geheiratet hat, kam die Bitte: „Du hältst doch ‘ne Rede. Oder, da du ja als Slammer unterwegs bist, am besten so was in der Art Poetry Slam.“ Dabei herausgekommen ist dies:

Hochzeitslied

(für Nicole und Nils Kleinschmidt)

So will’s die Tradition: ich stehe hier,
und man erwartet jetzt von mir,
dass ich was Schönes, Kluges sage
zu diesem ganz besond’ren Tage,
dass, obendrein, dies auch passiere
gereimt, na klar, dass ich jongliere
mit Versen, als Poet hantiere
mit bunten Worten, sie frisiere,
mal hier-, mal dorthin manövriere,
mich nicht dabei vergaloppiere,
auch nicht zu viel moralisiere
und möglichst heiter demonstriere,
wie Ehe man organisiere
so, dass nicht ständig sie frustriere,
wie Liebe zu zweit man buchstabiere,
sich stets erneut darin trainiere,
sie gar am End’ nicht mal verliere …
O.k., ich eben grad’ realisiere …
dass dies mein Thema, das ich jetzt studiere … die Liebe …
Wo fang ich an? Wo ging’s denn los?
Was war das für’n Trompetenstoß,
der Liebe brachte in die Welt,
die Mann und Frau zusammenhält?

Na klar - mit Adam und Eva fing alles doch an,
dass wir bis zum heutigen Tage sind dran
an der Liebe, tun stets uns aufs Neue zusammen.
Und da wir ja Adam und Eva entstammen,
wir gar oft auch in Liebe echt krass entflammen …
Doch da spielt das Leben so richtig uns mit!
Ach, wie lang’ dauert’s, bis für die Liebe wir fit!
Und warum? Sie verfolgt uns auf Schritt … und Tritt …

Erst ein Suchen und Buchen,
dann ein Lauern und Mauern,
ein Tasten, kein Rasten,
ein Besehen, Verstehen,
ein Finden, Empfinden,
ein Spüren, Berühren,
ein Schüren, Verführen,
ein Beben und Schweben,
ein Beglücken, Entzücken …
ein Verhallen, Zerfallen,
ein Besinnen, Verrinnen,
kein Tasten noch Rasten,
ein Schwanken und Zanken,
ein Entbinden, Verschwinden …
Bilanzieren …Verlieren …
Erkennen … Sich-Trennen …
die Liebe verfluchen und … abermals Suchen …
Und dann fängt das Spielchen von vorne an!
Ob frustriert, ob ernüchtert, erneut sind wir dran!
Zu ernst ist die Sache! Nimmt hart … uns ran!“

Ist Liebe immer derart regelschwer?
Bei solcher Last
erscheint sie fast
wie Liebe-leer …,
wie Erde, die an uns’ren Schuhen klebt,
die zwar die Basis, doch uns kaum erhebt!
Wir möchten ja, dass sie auch wirklich lebt!
Doch wie? Ein jeder sagt’s nun still für sich,
und denkt dabei an SIE, an IHN, an DICH …

Ich möcht’ mich in Liebe zum Himmel schwingen
und bis an die äußersten Grenzen dringen,
das DU dort zu finden,
mich ihm zu verbinden.
Ich möchte die Wolken voll Lust umschlingen
und hören, wie in mir die Sphären erklingen,
das DU zu empfinden,
bis die Sinne mir schwinden.
Ich möchte auf Flügeln die Lüfte bezwingen,
mich dem All verdingen und das Wunder vollbringen,
mich an DICH zu schmiegen,
um mit DIR zusammen zu fliegen, zu fliegen, zu fliegen …

Was nun ein Paar empfindet, das ist wahres Glück!
Im Glück der Liebe eins und aufgehoben,
bedeutet ihm Glückseligkeit. Ein Stück
davon nennt es jetzt sein, ist fest verwoben
mit ihm, mit seinem Wesen, seinem Leben.
Gilt doch Glückseligkeit nun sein Erstreben.
Allein, nur wer auch fähig ist, zu finden,
was er denn sucht, kann’s schließlich an sich binden.
Das Glück fällt uns nicht einfach in den Schoß.
Es aufzuspüren ist nicht leicht, zu greifen,
zu halten, schwer, wie stark auch sei, wie groß
der Wunsch, es möge stetig in uns reifen.
Das Glück hat Flügel, doch ist immer da.
Nun sorgt dafür, dass es euch immer nah!

(als Rap)
„Der Worte sind genug gewechselt,
lasst mich jetzt endlich Taten sehn“*,
ich hab jetzt hier genug gedrechselt,
es muss jetzt endlich was geschehn!
Ich hab mit lauter schönen Worten
der Liebe Wunderkraft beschrieben.
Ich hab gereimt, dass allerorten
kein einz’ger Reim mir mehr geblieben,
dass eure Ohren sich verschönen, sich verwöhnen, laut ertönen,
dröhnen, stöhnen, sich versöhnen mit den Tönen …
hab tanzen sie lassen, in Rassen und Klassen zu fassen,
nicht zu verpassen, nur zu verprassen in Massen bis zum Erblassen … Wow …

Jetzt ist’s genug geleiert,
jetzt wird gefeiert!
Und der hier steht,
jetzt geht:
der Slam-Poet …


Ein Text über mich … mit ein bisschen Familienanschluss … nicht gleich, aber später … Titel:


Entschleunigung

(YouTube: Essen)

Hey, Alter, wo willst du eigentlich noch hin?
… Alter? … ach ja Alter! Wohin soll’s denn nun
noch gehn mit dir? Von hier nach da, von da nach
dort, von dort zurück? Nun bleib doch ganz
einfach mal stehn!

Nicht immer nur eilen:
mal einfach verweilen!
Nicht immer nur streben:
mal im Augenblick leben!
Nicht immer sich sorgen:
sich mal Gelassenheit borgen!
Nicht immer nur fassen:
auch mal was verpassen!
Nicht immer nur lenken:
sich mal einfach verschenken!
Nicht immer nur warten:
ganz einfach mal starten!

Was soll’n diese Sprüche?! „Nicht immer nur
warten, ganz einfach mal starten!“ Was soll das?!
… Gelassenheit borgen … auch mal was
verpassen … mich verschenken … an wen
denn überhaupt …

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Ich will jetzt endlich einmal raus!
Zu Haus? Entschiednes ‚Nein!’ Zu Haus,
da will ich doch nicht sitzen bleiben!
Nur so daheim die Zeit vertreiben!? …
Ich will wie alle Rentner reisen,
ja, reisen, reisen, die Welt umkreisen:
Von hier nach da, von da nach dort,
von dort zurück … zu neuem Ort
in einem fort … ein Reisesport,
belebt vom Internetexport …
Wo ist das richt’ge Internet-Portal? …
‚Ab-in-den-Urlaub - Deine Wahl!’
‚Lastminute’, ‚Kurz-mal-weg’, ‚Spezial’,
ob ‚All-inclusive’, ob ‚Pauschal’,
ob fliegend ‚Linie’, ‚Billig’, ‚Charter’,
ob früh gebucht, ob spät als Starter -
oh je! Bevor ich weiß ‚Wohin?’,
weiß ich schon nicht mehr, wo ich bin
bei all den vielen Urlaubssorten,
bei all den vielen Urlaubsorten!
Mal Koh Samui, Curaçao,
Tobago, San Andrés, Panglao,
mal Alta, Turku, Sossusvlei,
Tanjung Benoa, Whangarei …
Oh je, oh je …Au wei, au wei …
Noch eh ich irgendwo gelandet,
bin Urlaub-planend ich gestandet …

Stopp! So also nicht! … Wie aber dann?
Ich geh’s nun mal ganz anders an …
Ich bleib jetzt einfach mal an Land
und geh’ mit Ida an den Strand …
(Klein-Ida, meine Enkelin,
mit der ich grad im Urlaub bin)

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

Genau! Wir beide ziehn jetzt los.
Auf geht’s! Die Welt ist riesengroß,
der Strand nur ein paar Meter weit,
der Weg dahin … ’ne Kleinigkeit …
Klein-Ida, mit von der Partie
ihr Plüsch-Hund Struppi, der darf nie
zu Hause bleib’n, muss immer mit,
und ich - so sind wir denn zu dritt.
Es geht voran …
ich hintendran …
in gemessenem Schritt
gehe ich mit …
eher Schrittchen für Schrittchen …
oder Trittchen für Trittchen …
denn Ida, sie trippelt voran, sie trippelt zurück,
und langsam geht’s weiter so Stück für Stück,
und zwar drei Schritte vor und zweie zurück,
aber immer voran - was für ein Glück!
Und Struppi zieht sie hinter sich her.
Der Zick-Zack-Kurs, der fällt ihm schwer,
wie jetzt: er kippt um, wie dumm!
Ach Struppi, dreh dich doch anders rum!
Klein-Ida läuft hin. Aufgerichtet und -gestellt
auf seine 4 Räder, damit er nicht wieder fällt,
geht’s nun weiter, langsam, aber immerhin …
Ich hab unser Ziel im Sinn …
Der Strand ist schon in Sicht …
so weit denn eigentlich ja nicht …

„Nicht immer nur warten, ganz einfach mal starten!“

… denk ich bei mir … beim Warten …
man könnte doch einfach mal starten …
Wie’s aussieht, ist der Weg das Ziel,
denn bis zum Strand, da fehlt noch viel …
Komm, Ida, komm! Hier geht’s doch lang!
Und wieder ein Halt. Diesmal ’ne Bank.
„Da drauf!“ Der Struppi muss nun rauf
auf die Bank, sich ausruhn, verschnauf-
en, bis wir drei dann weiterlaufen …
Und plötzlich, ach, - ich habs vergessen,
worauf ja Ida ganz versessen -
die Steine, die kleinen Steine auf dem Pfad
zum Strand, die muss man untersuchen grad,
muss sie besehen, nehmen, sich entzücken
und dem Opa in die Hand dann drücken …
Und weiter geht’s und weiter, stets voran,
ganz langsam, aber irgendwann,
dann kommen wir Drei auch mal an …
am Strand …


Im Tunnel der Angst

siehe auch YouTube

Ja, was ist das!? Was kommt da auf uns zu!?
Es naht, es drängt, es dräut, es droht: im Nu
ein übermächt’ges Etwas rollt heran,
Tsunami-gleich, und schlägt uns all in Bann.
Und Menschen sind es, Menschen überall!
Sie stoßen Well’ auf Welle vor. Ein Schwall
ergießt mit Wucht sich über unser Land
von Süden her, ganz außer Rand und Band …

… im Tunnel unsrer Angst …

Ich kann nichts sehn,
ich kann kaum stehn,
mein Kopf stößt an,
tast’ mich voran …
Wie eng’s hier ist!
Wo du nur bist?
Ist da kein Licht?
Du find’st den Ausgang nicht!
Wer redet da mit mir?
Ich selbst! … Ich frier’ …

… im Tunnel meiner Angst …

Die auf der Flucht vor Terror und Gewalt,
vor denen Schleppergier macht’ keinen Halt,
sie, die es schafften übers Mittelmeer,
von Not getrieben - wie ein ries’ges Heer
rückt dieser Menschenstrom nach Norden vor,
sucht Menschenwürde und der Freiheit Tor
und überwindet Zaun und Stacheldraht
und Polizeigewalt - Verzweiflungstat …

… im Tunnel seiner Angst …

Mir ist ganz kalt.
Und meine Stimme schallt
die Wände lang
wie durch ’nen Gang.
Das Echo ficht
nach links, nach rechts, es bricht,
verhallt, vergeht, verstummt …
Der Kopf mir brummt …

… im Tunnel meiner Angst …

Und Menschenmassen stürmen Bus und Zug.
Nur weiter, weiter! Weg, bloß weg! Genug
von Staatsmacht, Willkür, Ohnmacht, Krieg und Tod!
Auf in ein Land, das Arbeit gibt und Brot,
das Recht und Ordnung und Asyl gewährt,
in dem man wieder Menschlichkeit erfährt!
Am Ende einer Irrfahrt, irgendwann,
dann kommen sie auf einem Bahnhof an …

… im Tunnel ihrer Angst …

Ich raff’ mich auf.
Ich nehm’s in Kauf,
dass eng und enger
der Schlauch und lang und länger …
Nur Dunkelheit, kein Licht …
Nur mein Geräusch durchbricht
die Stille um mich her …
Ich kann nicht mehr!
Ich will hier raus!
Geht’s wo hinaus?

… im Tunnel meiner Angst …

Die Flüchtlingsheime sind nun übervoll!
Für Unterkunft gebraucht wird jeder Zoll.
Wohin mit all den Menschen, jetzt wo‘s kalt?
Kaserne, Zelt, Container – Aufenthalt
vorübergehend, doch auf Dauer?
So mancher Bürger liegt schon auf der Lauer
und wartet bloß darauf, dass was passiert,
dass bald auch Kriminalität grassiert …

… im Tunnel seiner Angst …

Wo bin ich bloß?!
Im Hals ein Kloß …
Lasst mich hier raus!
Das ist kein Haus?!
Was aber dann?
Ist wie ein Bann,
der lähmt, mich packt,
den Puls zerhackt …

… im Tunnel meiner Angst …

Bislang man sieht sie kaum. Sie sind weit weg,
am Stadtrand, noch … Doch bald auch hier ums Eck
im Baumarkt, der so lange schon steht leer?
„Und siehst’es nicht? Es werden täglich mehr!
Was woll’n die alle hier?“ der Nachbar fragt
und, wie so oft, sich vehement beklagt,
dass er gestört sich fühlt in seiner Ruh.
„Mach’ weiter hinter dir die Türe zu …

… im Tunnel deiner Angst!“

Kein Ausgang nah …
Und plötzlich – da:
Ein wildes Tier
steht jetzt vor mir,
verstellt die Bahn,
es fällt mich an,
mich nicht mehr lässt,
es krallt sich fest,
hockt auf mir drauf,
zieht mich hinauf,
drückt mich hinab,
schnürt mir die Kehle ab …
mein Atem schwindet …

… im Tunnel meiner Angst …

… bis sich mein Ich urplötzlich wiederfindet …

Ihr da, die ihr Flüchtlingsheime niederbrennt,
die ihr in euren Hass euch wüst verrennt,
die ihr die Fremden angreift wie ’nen Feind,
die ihr verneint, dass Menschlichkeit vereint,
die ihr vergesst, dass 33 Deutsche floh’n
vor der Verfolgung und Deportation,
dass 45 Deutsche aus dem Osten man vertrieb,
dass 89 Deutschen nur die Flucht gen Westen blieb,
ihr da, habt ihr’s verdrängt, all das …

… im Tunnel eurer Angst?


Angst vor der eigenen Courage

siehe auch YouTube

Hi, Leute, ihr, die ihr beisammen hier,
geht’s euch vielleicht auch so wie mir?
Ich suche noch und weiß nicht recht,
ob das nun gut, ob das nun schlecht,
was hier landauf, landab passiert,
wo mehr und mehr die Angst grassiert,
weil jetzt, wie’s scheint, die ganze Welt
uns für den großen Retter hält
und so viel Menschen bei uns landen,
dass uns schon kommt der Mut abhanden.
Ich selbst, ganz ehrlich, bin gespalten
und frage mich: Wie willst du’s denn halten?
Gibt’s da ’ne Lösung, gibt es keine?
Wie komm’ ich da mit mir ins Reine?

Nun gut. Erinnert ihr euch noch?
Wie war das gleich? Wie war das doch?
Es war im Herbst, nicht lange her,
da tat sich jemand nicht so schwer:

Ein Etwas schleicht,
es nicht mehr weicht,
durch Straßen und Gassen,
noch nicht zu fassen,
von Haus zu Haus,
tagein, tagaus,
es webt, es klebt,
es klebt, es webt
ohn‘ Unterlass …
Da war doch was?

„Wir schaffen das!“ – Was für ein Klang,
der weit in alle Welt hin drang
und anfangs unser Image aufpolierte,
sodass man fast sich schon genierte.
Die Grenzen wurden aufgemacht,
der Flüchtlingssturm erst recht entfacht.
Das hat sich aber schnell gerächt
und war so manchem gar nicht recht.
Da gab’s dann wieder Grenzkontrollen,
wenngleich auch wider bess’res Wollen …

Angst vor der eigenen Courage?

Und dann der Streit, ob mit ob ohne
die ungeliebten Obergrenze, Transitzone.
Derweil der Flüchtling hält nicht still,
und jeder fährt, wohin er will …
Und nach dem Anschlag von Paris,
nach Brüssel macht man grade ihn jetzt mies …
Und jetzt? Ist das Willkommen gar am Ende?
Gibt’s in der Flüchtlingspolitik nun doch ‘ne Wende?
Vielleicht zuletzt sie noch versandet,
wo Tausende in Griechenland gestrandet?
Und ist mit dem Türkei-Deal Land in Sicht,
bevor Europa auseinander bricht?

Angst vor der eignen Courage?

Ich spiel’ für mich jetzt mal den Mann,
der alles kann, weil der packt’s an:
Ich schaffe das. Ich mache das.
Mach’ mir für euch die Füße nass.
Ist kein Problem. Ich krieg’ das hin!
Trau’ mir das zu. Ich weiß wohin.
Was sein muss, das muss eben sein!
Das klappt schon. Hänge mich da rein

Na ja, in mir nun der Bedenkenträger,
der spielt nicht mit und wird zum Kläger:
Wie schön, dass wir nun wieder wer,
was Tausende zu uns lockt her!
Wie schön die Bilder, das „Willkomm“,
die Selfies! Man war ganz benomm-
en, sprach sogar schon von „Kultur“,
die Vorbild sei für andre – nur,
schon platzt aus allen Nähten,
was da an Platz in vielen Städten;
die Helfer überfordert,
die Polizei, wenn sie geordert;
Gewohnheit ist gestört,
was Bürger hie und da empört;
bricht dann noch Chaos aus,
fühl’n die nicht sicher sich zu Haus …

Angst vor der eignen Courage?

Und jetzt nun wieder dieser Macher,
der alles kann, mein Widersacher:
O.k., gehört schon Mumm dazu,
besonders, wenn’s nicht klappt im Nu.
Was nun? Zieh’ ich den Schwanz jetzt ein
und mache mich ganz plötzlich klein?
Klammheimlich tret’ den Rückzug an
und räum’ das Feld? … Wer’s kann,
ich nicht! So was passiert schon mal.
Nicht immer ist man frei in seiner Wahl.

Mit Bedenken ich’s gleich hinterfrage,
damit ich nicht sofort verzage:
Wir helfen zwar aus größter Not,
doch müssen die in Lohn und Brot.
Sie sprechen uns’re Sprache nicht,
woher der nöt’ge Unterricht?
Wer führt die Neuen ein in unser Land,
das ihnen doch bis gestern unbekannt?
Mit Integration war’s nicht weit her,
bisher, und weiter nun dies „Laisser-faire“?
Das Grundgesetz schon außer Kraft,
weil jeder sich ’ne eigne Ordnung schafft?

Angst vor der eignen Courage?

Noch mal mein Widerpart, der Mann,
der’s macht, der einfach packt mit an:
Courag’ hat doch mit Mut zu tun
und ist was andres als bloß ruhn!
Beherzt, entschlossen, unerschrocken
was tun, nicht hinter’m Ofen hocken!
Und unvoreingenommen, furchtlos, kühn
sich mal um Lösungen bemüh’n!

Ha, du hast gut reden, ehrlich, das tut weh,
ist lästig, unbequem, oje!
Ich hab’ mich häuslich eingerichtet
und fürcht’, all das wird jetzt vernichtet.
Ich soll nun forsch nach vorne gehn,
würd’ lieber auf der Stelle stehn.
Ich soll gar neue Dinge machen,
blieb’ lieber bei vertrauten Sachen.
Und wie? wohin? mit welchem Ende?
zu welchem Zweck jetzt so ’ne Wende?
Da bleiben so viel Fragen offen!
Was kann ich da mir noch erhoffen?!

Angst vor der eignen Courage?

Tja, Leute, ich hab’s gleich gesagt
und mich zu Anfang schon gefragt:
„Gibt’s da ’ne Lösung, gibt es keine?
Wie komm’ ich da mit mir ins Reine?“
Der Streit in mir: der große Macher
hier und dort sein Widersacher -
hat das nun irgendwas gebracht,
hat das was ausgelöst, was angefacht?
Na, gibt’s ’ne Lösung? Gibt es eine?
Vielleicht ja immerhin ’ne kleine …

Angst vor der eignen Courage?

Nein! Nicht mehr so! Ich find’, das klemmt!
Wie wär’ es so für den Moment:
Ich dreh’ die Redensart jetzt einfach um
und lese sie mal andersrum.
Ich stell’ Courage jetzt voran
und Angst … hintan:

„Courage vor der eignen Angst!“


Tücken der Technik oder Automatenphobie

Poetry Slam Stadthagen - weiter zu YouTube

Poetry Slam Rotenburg - weiter zu YouTube


Ach du, du gute Alte Zeit!
Was hielt’s du da für mich bereit!
Ach, was war’n das für Zeiten mit Schaltern und Tasten,
mit Hebeln und Schiebern, schnell zu entrasten,
mit Nippeln zum Knipsen, Knöpfen zum Drücken,
mit Riegeln per Haken und Öse so leicht zu bestücken!

(1) Schon morgens die modernen Wecker,
die elektronischen Vollstrecker
der abgelauf’nen Schlafenszeit,
die auf Befehl dazu bereit,
laut piepend meine Ruh’ zu stören,
wenn süße Träume mich betören,
und dies auf tückisch-schrille Weise,
wo, batteriebetrieben leise,
ihr Werk, atomuhrzeitgesteuert,
sonst unauffällig sich erneuert.
Und programmieren muss man sie!
Ein Umstand! So was lern ich nie!
Mein alter Wecker? Weckzeit eingestellt,
fix aufgezogen, ohne Batterie er hält,
was er verspricht: mich morgens wecken
mit sanftem Klingeln, ohne zu erschrecken:
Bim, bim, bim, bim, und ich bin wach
und starte locker in den Tag [Tach] …

(2) Und weiter geht’s mit den Problemen,
denn wieder muss ich mich bequemen,
was einzustell’n: den Küchenwecker.
Ja, wieder so ein modernistischer Vollstrecker
von abgelauf’nen Zeiten
wie hier beim Zubereiten
des Morgen-Tees. Was steht da drauf?
Nein! Ich reg’ mich nicht schon wieder auf!
„Kalender“, „Timer“, „Temp’ratur“, „Alarm“ …
Ha, wie kompliziert! Dass Gott erbarm!
„Alarm“ wohl nicht, dann „Timer“ …
bis der dann programmiert … mein Tee im Eimer!
Ein kurz-gezog’ner sollt es sein!
Die Technik stellt mir wieder mal ein Bein.
O du, mein alter Küchenwecker!
Mechanisch eingestellt … mein Tee war lecker!

Ich muss jetzt los. - (3) Im Reisezentrum. Deutsche Bahn.
Wie komm’ ich an mein Ticket ran?
Ein Schalter offen. Lange Schlange.
Mein Zug fährt bald. Mir ist schon bange,
dass ich am Ende ihn verpasse.
O, wie ich das Warten in der Schlange hasse!
Doch Automaten sind mir nicht geheuer;
ist jedes Mal ein Abenteuer.
Am Schalter sitzt ein Mensch, der spricht
mit mir, fragt, was ich will, was nicht,
ist hilfsbereit und nett, druckt mir die Karte
aus … und fertig … und ich starte …
Verdammt! ’s geht heut nicht voran! Dann muss es eben sein!
Ich lass mich auf den Automaten ein.
Fahrkartenautomaten sprechen nicht;
sie sind aufs Lesen ganz erpicht,
aufs Hinweis-Lesen, Bildschirm-Tasten -
und dies in aller Ruhe, ohne auszurasten …
was, ungeduldig, wie ich nun mal bin,
auf Anhieb kriege ich nicht hin …
Und heute hab ich’s wirklich eilig!
In Hetze nun mit Lesen … verweil ich …
Mein Gott, was will der Automat nicht alles wissen,
und schön der Reihe nach, ganz dienstbeflissen!
Das dauert … Und mein Zug fährt gleich!
Ob ich ihn noch erreich’?
Erst „Start“, dann „Ziel“ … verflixt! vertippt!
„Zurück“, noch mal … fast ausgeflippt …
da endlich! „Weiter“! Was für ne Fahrt?
einfach, hin, zurück … schnell … Zeit gespart …
Wie viele reisen? Erwachs’ne? Kinder?
Mein Gott! Allein!! Geht’s nicht geschwinder?!
Und weiter, weiter … Bahncard? Bonus? Klasse?
Datum? Weiter! O, wie ich dich hasse,
du blöder Automat! „Einen Moment bitte!“
Ja, geht’s noch!? Wie viele Schritte
denn brauchst du noch?! Ist das Komfort?!
Was schlägst du mir nun alles vor:
ob Spar-, Normalpreis, Sitzplatz oder nicht.
Ich zahl normal! Aufs Sitzen ich verzicht!
Ich will doch meinen Zug erreichen!
Und wie viel Zeit soll noch verstreichen!?
Schau’ hastig auf die Uhr …
wen’ge Minuten nur …

Ich will auch keine Punkte sammeln!
Jetzt zeigt er mir auch noch mal an,
was ich gewählt hab! … Zahlen dann.
Und wie? Mit Münzen, Karte, Schein.
Und wo? Ach da, die Karte rein …
Kaum drin,
will er natürlich meinen Pin …
Gottlob! Es funktioniert, doch dauert!
Man wartet, wartet, wartet, lauert
auf sein Ticket, bis es unten landet
im Abholfach … ich pack’s … bin ich gestrandet?
Guck auf die Uhr … mein Zug jetzt wech?
So’n Pech!
Doch halt! Vielleicht hat er Verspätung? … wie so oft …
Vielleicht hab ich ja Glück ganz unverhofft …
Ich renne los … komm oben an … Mein Zug fährt grade ein!
Das Glück lässt mich heut nicht allein!
Ich komme in den ICE noch rein!

(4) Und bin jetzt drin. - Was nun passiert?
Erzähl’ ich’s? … Ja, ganz ungeniert:
Der Tee … die Schlange … dann der Automat … tja’s pressiert,
die Blase drückt ... Wo ist das Klo im ICE?
Oje!
Ich hasse sie, die öffentlichen Toiletten.
Auch jetzt hab ich davor Manschetten.
Was sein muss, das muss eben sein!
Wie komme ich in diese rein?
Ach so, behindertengerecht mit Schiebetür.
Mal wieder keine Klinke, doch dafür
ein Griff, betätigt hin und her …
die Tür geht auf … was will ich mehr …
Und ich bin drin. Am Innen-Griff nun lauter Knöpfe.
Ach je, das ist nun wieder nichts für Tröpfe
wie mich. Wie der Verschluss wohl funktioniert?
Erst Hinweis lesen, wo’s doch so pressiert?!
Ich fumm’le rum und drück’ und drück’ …
die Tür fährt langsam jetzt zurück …
Tret’ schon von einem Bein aufs andre … Tür nun zu?
Verriegelt? Hoffen wir’s! Im Nu
bin ich jetzt dort, wohin ich will schon lange
mit meinem unstillbaren Drange.

Die Hosen runter … losgelegt …
da, plötzlich sich die Tür bewegt …
geht langsam auf … ne Frau … verdutzt …
- Hat die Verrieg’lung nichts genutzt?! -
Und sie? Sie tut sich meinen Hintern gönnen
und sagt: „Es hätte schlimmer kommen können!“
zieht sich zurück …
zum Glück …
die Schiebetür … geht sachte wieder zu …
na ja, den Rest denkt euch dazu …

Ach, was war’n das für Zeiten mit Schaltern und Tasten,
mit Hebeln und Schiebern, schnell zu entrasten,
mit Nippeln zum Knipsen, Knöpfen zum Drücken,
mit Riegeln per Haken und Öse so leicht zu bestücken!


Lesebühne:
Der neue Pygmalion

Eine Ballade

Düster ist’s im weiten Saal.
Tiefverhängte Fenster grollen:
Sonnenlicht sie geben wollen,
so wie einst, als Hoffnungsstrahl.
Fahl-verstaubt steht ringsherum
Bildwerk ohne Zahl, wie stumm,
Zeugnis einer Schaffenskraft,
die sonst tätig Neues schafft.

Schemengleich im Dämmerschein,
kaum erkennbar als Skulpturen,
bronz’ne, marmorne Figuren
reihen sich tagaus, tagein,
nun schon eine Ewigkeit
darauf wartend, dass bereit,
abermals, des Meisters Hand,
Stein zu meißeln, kunstgewandt.

„Alles habe ich gegeben,
alles, was Genie mir gab.
Ausgebrannt, wie leer, ein Grab
scheint mir heute nur mein Leben.“
Finster stiert Pygmalion
vor sich hin, weiß nichts davon,
was geschieht in der Natur,
was sich tut in Wald und Flur.

Abseits hockt er, fast versteckt,
hingekauert auf dem Boden,
ganz verhüllt in seinem Loden,
so dass sein Gesicht verdeckt.
Dunkel ist’s in seiner Welt,
die nichts mehr zusammenhält,
seit die Glut in ihm verloschen,
Wort und Werte abgedroschen.

„Ach, ihr Götter, welchen Sinn
soll ich meinem Tun noch geben?
Ohne Zukunft ist mein Streben,
wo ich alt geworden bin.
Habe jedes Werk studiert,
jede Technik ausprobiert:
Marmor, Bronze, Gips und Ton,
Holz, auch Wachs, das kenn’ ich schon!

All dies Meißeln, Modellieren,
all dies Zirkeln, Drahten, Rüsten
an den Statuen und Büsten,
all dies Messen und Punktieren,
all dies Schleifen, Hämmern, Schlagen,
all die Angst, nicht zu versagen
mit dem Schlagholz, mit dem Hammer –
oh, welch’ Überdruss, welch’ Jammer!“

Und noch mehr weicht er zurück
vor den Bildern tief da drinnen,
die sich auftun, nicht verrinnen
wollen, vom vergang’nen Glück,
als er jung und voll Elan
manches Meisterstück getan,
als Ideen ihn geführt,
von der Muse angerührt.

Eng und enger wird die Brust,
und sein Herz krampft sich zusammen,
wenn er denkt, wie leicht entflammen
er sich ließ, ja welche Lust
ihn einst packte beim Gestalten,
wie sein Geist sich wollt’ entfalten.
Ach, vorbei, vorbei, der Schwung!
Weh tut solch’ Erinnerung!

Doch was ist das? Was tut sich da?
Die Fenster springen auf,
der Vorhang weht hinauf,
mit Tschingdera und Vallera
von draußen bricht’s mit Macht herein:
der lang verbannte, sonst so stille Hain,
selbst grade erst erwacht, will wecken
die Geister, die sich woll’n verstecken.

Das helle Licht, es bricht sich Bahn,
es will die Finsternis durchbrechen,
der Schleier Dunkelheit zerstechen
und lösen trügerischen Wahn.
Ein frischer Wind ist mit dabei,
vertreibt den Dunst, wo er auch sei,
verweht den Staub, der sich gelegt
auf Kunstgebilde, lange unbewegt.

Was sind das nur für Wunderdüfte,
die strömen in den weiten Raum!
Was für ein bunter Lebenstraum,
der von weither streicht durch die Lüfte!
Und dieses Zwitschern, Tirilieren,
dies Jubilieren, Exerzieren
im Vogelstimmenwettgestreite,
das herschallt wie aus ferner Weite!

Pygmalion, erstaunt, horcht auf.
Er spürt, er sieht, er hört die Welten,
die eben sich zu ihm gesellten.
„Was ist mit mir? Was steigt herauf?
Was wirkt da nur? Was macht mich beben?
Was weckt mich auf zu neuem Leben?
Ich möcht’ nicht länger widerstreben!
Ergeben möcht’ ich mich, verweben!“

Der Frühling ist’s, der ihn erfüllt.
Umarmen möcht’ er ihn, umfangen,
erfasst von sehnsücht’gem Verlangen,
als sei’s ein Wesen, nur verhüllt.
„Wie kann ich dich denn nur erreichen?
Komm’ her zu mir! Lass dich erweichen!
Kehr’ ein bei mir und sei mein Gast!
Lass nieder dich zu süßer Rast!“

Und das Wesen tritt ein, lässt nicht länger sich bitten,
ganz behutsam, ein Hauch, kaum vernommen,
nur erahnt, die Konturen verschwommen,
und lehnt nun, halb aufrecht, halb liegend, inmitten
der Werkstatt am marmornen Block vor dem Meister,
ihn gleichsam ermunternd, die Lebensgeister
aus dem All zu rufen, Gestalt ihm zu geben
und zurück ihn zu schicken ins rauschende Leben.

Die Leidenschaft wieder erwacht.
Der Bildhauer ist wie benommen.
Die Kräfte - er heißt sie willkommen
aus tiefer, aus finsterer Nacht -
sie regen sich, drängen ans Licht.
Vergessen ist langer Verzicht,
vergessen die Zweifel, das Alter,
zurück ist der alte Gestalter.

Das Wesen, den Frühling, den Jungen,
er spürt ihn, er schaut ihn ganz trunken,
entzündet vom göttlichen Funken,
von genialischem Geiste durchdrungen.
Er sieht ihn da liegen: entrückt
im Schlafe, im Traum wie verzückt,
und wohlig nach hinten gestreckt,
beide Hände im Nacken versteckt.

Mit Beitel und Hammer geht er zu Werke,
den Block zu behau’n und gefügig zu machen,
seiner Eingebung folgend, um Glut zu entfachen,
die dem Körper geschenkt sei als Kraft und als Stärke.
Ei, wie strafft er die Muskeln beim Meißeln und Glätten,
so als ob sie ’nen Wettkampf zu bestehen hätten,
und zeigt doch zugleich, wie der Jüngling entspannt
sich räkelt und dehnt über der Lehne Rand.

Und erst das Gesicht, die geschlossenen Augen,
die schlafenden Züge, halb offen der Mund!
„Was spricht er im Traume? Was tut er mir kund?“
Pygmalion möcht’ von den Lippen ihm saugen
Geheimnisse, wie sie nur Jugend zu eigen.
Der Jüngling indessen, er hüllt sich in Schweigen.
„Was denkt er, was fühlt er, was sieht er für Bilder?“
Dem Meister will’s scheinen, er lächle jetzt milder …

’Vorwärts streben,
stets entschieden
Pläne schmieden,
leicht erbeben,
sich begeistern,
nichts verkleistern,
unbefangen,
voll Verlangen …’

Die Jugendlichkeit der Gedanken beflügelt
sein Tun. Immer schneller nun geht es voran,
immer mehr hält die Statue ihn in Bann.
Der Schaffensdurst wächst, er ist ungezügelt …
noch ein letztes Polieren und Schmirgeln und Reiben …
das Bildnis ist fertig ... „Ja, so kann es bleiben!“
In der Weiße des Marmors der Jüngling erstrahlt.
„Ja, so hat die Einbildungskraft ihn gemalt!“

Ein Rausch war’s, der von ihm Besitz ergriffen.
Erst langsam kehren seine Sinne wieder.
Er spürt die bogengleich gespannten Glieder
und wie sein Geist und Körper abgeschliffen.
Er tritt zurück, er schaut , er prüft, erfasst
als Ganzes, was erschaffen ohne Rast ...
„Doch Halt! Da fehlt noch was! Was mag das sein?
Ließ ich mich blenden von dem schönen Schein?

Ja, das ist’s. Leben fehlt! Ihm fehlt der Odem!
Des Jünglings Lächeln hat mich so bestrickt,
dass ich bloß auf die äuß’re Form geblickt,
dass ich den Geist vergaß im Schaffensbrodem!
Ein herrlich’ Bildnis, aber leblos, tot!
O weh! Ich Armer! Wer hilft aus der Not?“
Verzweifelt, kraftlos sinkt der Meister nieder,
wie Blei senkt Ohnmacht sich auf seine Lider.

Umnachtet, treiben Fantasien ihn wild umher.
Bald sieht er sich gesenkten Haupts am Boden knien,
des Jünglings Fuß mit seinen Küssen überziehen,
bald spürt er seine Wang’ berühren, tränenschwer,
das aufgestützte Bein, bald fühlt er seine Arme
die Brust umschlingen, dass das Herz im Leib erwarme,
als stünde es in seiner schwachen Künstlermacht,
den Körper zu beseelen, der von ihm erdacht.

Gar lange dauert’s, bis er zu sich kommt.
„Vergeblich scheint mir wieder all mein Tun!
Wie früher schon, lässt wieder mich nicht ruh’n,
dass mir mein alter Genius nicht mehr frommt,
wenn er’s aus eig’ner Energie nicht schafft,
ein blutlos’ Werk, sei’s noch so musterhaft,
von seiner Erdenschwere zu befreien
und ihm des Lebens Atem zu verleihen!

So helft, ihr Moiren, meinen armen Kräften!
Erweckt ihn doch zum Leben, nicht für mich,
nein, für der Menschen Wohl und auch für sich!
Ich weiß, als Künstler darf ich mich nicht heften
an Werke, die als Teil von mir entstanden,
auch wenn, wie jetzt, der Wunsch vorhanden,
eins, das mir gut gelungen, festzuhalten
und egoistisch selbst es zu verwalten.

Der Frühling, den grad ich als Jüngling geformt,
hinaus muss er stürmen, ganz ungezwungen,
die Menschen zu wecken, die alten und jungen,
besonders die trägen, die das Leben genormt.
Er muss ihnen zeigen, was Aufbruch bedeutet,
er muss ihnen vormachen, wie man sich häutet,
damit sie begreifen, wie Altes sich wandelt,
das vorwärts-, nicht rückwärtsgerichtet bloß handelt.“

Die Göttinnen hören die Klage und Bitte.
Erst Klotho, die Göttin des Schicksals, die spinnt
den Faden des Lebens, bevor es beginnt,
dann Lachesis, die’s zuteilt nach uralter Sitte
als Los für die Dauer des Lebens auf Erden.
Sie zeigen Verständnis für Pygmalions Beschwerden.
Sie treten herzu, und sie tun ihre Pflicht,
doch ohne dass der sie bekommt zu Gesicht.

Und plötzlich, ein leichtes Sich-Regen,
Sich-Rühren, fast ohne Bewegung,
dann merklich mit leiser Erregung
ein Hin-und-Her-sich-Bewegen,
kein Stillhalten mehr, kein Verweilen,
ein Sich-Aufrichten, Kräfte-Verteilen,
Sich-Anspannen, Höhe gewinnend
und Da-Sein … und Leben beginnend ...

Und Pygmalion? Staunend verfolgt er sein Werk,
wie sich’s regt, sich bewegt, wie es lebt, sich erhebt
und da vor ihm steht in lebend’ger Gestalt. Er erbebt
im Gefühl, dass bezwungen der unüberwindbare Berg.
Was nicht mehr erhofft, hat sich doch noch vollendet.
Überwältigt, die Arme zum Himmel er wendet:
„Ich dank’ euch, ihr Moiren, ihr habt mich erhört
und den Traum eines Neuanfangs mir nicht zerstört.“

Indessen der Jüngling, behände und leise,
wie vom Winde getragen, beflügelt und leicht,
schleicht sich heimlich-verstohlen davon, entweicht
und macht draußen sich still auf die Reise,
bereit, was Natur grad begann, zu vollenden,
seine Kräfte zu spenden mit freigieb’gen Händen,
sich ganz an die Buntheit der Welt zu verschwenden
und ihr Antlitz mit leuchtendem Grün zu verblenden.